Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 10 Juli, 2010 16:00
„Die Feinde, sie bedrohen dich,
Das mehrt von Tag zu Tage sich;
Wie dir doch gar nicht graut!“
Das seh’ ich alles unbewegt,
Sie zerren an der Schlangenhaut,
Die längst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genung,
Abstreif’ ich die sogleich,
Und wandle neubelebt und jung
Im frischen Götterreich.“
Goethe
Das ist der Sinnspruch im Kopf der Todesanzeige von Gerold Becker (12. April 1936 – 7. Juli 2010), die mehrere Angehörige seiner Familie, Susanne Brock und Hartmut von Hentig als Hinterbliebene aufgegeben haben und die heute, am 10. Juli 2010, in der SZ (S. 20) zu lesen ist.
Der Sinnspruch ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Ebenfalls heute erschien in Spiegel-Online ein Artikel anlässlich des Todes von Gerold Becker: „Aufarbeitung an der Odenwaldschule“, in dem der vorzeitige Tod Beckers bedauert wird, weil es so nicht mehr zur Aufarbeitung von Vorwürfen und Schuld kommen kann. Im Artikel steht unter anderem:
„Irgendwer hat in den siebziger Jahren das Schild auf der hügeligen, malerischen Zufahrtsstraße nach Ober-Hambach zur Odenwaldschule verhunzt. "Hodenwaldschwule" stand da beinahe ein ganzes Jahr lang.
[...]
Dann war da der Holzphallus. Schüler rammten ihn 1975 in die Wiese vor Gerold Beckers Büro auf dem Schulgelände. Er ließ ihn umgehend entfernen.
Dann waren da die Schüler, die "Der Be-ecker, der Be-ecker, der findet kleine Jungs le-ecker" sangen.
Dann war da der Lehrer, der Karneval 1972 zum Anlass nahm, um in einer Büttenrede von "Heldenleben mit Kindertotenliedern" zu schwadronieren. Eine Anspielung auf das Geschehene oder Vermutete als Gag. Der Mann wurde danach wochenlang von den Kollegen rund um den schwer belasteten Musiklehrer Wolfgang Held gemieden.
Wenn man heute, knapp vier Jahrzehnte später, von all den scheinbaren Scherzen hört, wirken sie nicht mehr komisch. Nicht mehr wie ein alberner Jungenwitz, wie jugendlicher Übermut, wie eine lapidare Bemerkung. Heute ist es eine Gewissheit, dass mindestens 13 unterschiedliche Täter an der Odenwaldschule weit mehr als 50 Schülerinnen und Schüler über Jahrzehnte sexuell missbraucht haben. Der Holzpenis, der Karnevalsklamauk, das geschnitzte H: Nun provozieren sie Fragen.
[...]
Was bleibt, ist die Wahrheit der Opfer. Sie äußert sich an diesem Freitagabend in Sätzen wie: "Ich bin so erzogen worden, mit einem Erwachsenen ins Bett zu gehen, das war ganz normal."
Und: "Ich bin täglich von Becker angegangen worden. Als 13-Jähriger bin ich nachts davon aufgewacht, dass mich Becker am Schwanz lutscht."
Anwesend waren auch jene Opfer, die schon vor zwölf Jahren versucht haben, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie wandten sich damals erst an die Schule, schließlich an die Presse, aber sie bekamen kaum Unterstützung. Sie waren es, die im vergangenen Jahr die Debatte noch einmal anstießen. "Wir haben längst eine dreistellige Opferzahl erreicht, und jeder weiß es", sagte an diesem Freitag einer von ihnen. Nur sind viele Betroffene so geschädigt, dass sie sich nicht an die eigens beauftragten Juristinnen wenden können.“
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,705715,00.html
Und die FR-Online vom 11.Juli berichtet über die Feier des 100jährigen Bestehes der OS:
„[...] Zum öffentlichen Hearing während der Feiern zum 100-jährigen Bestehen der OSO, das am Sonntag endete, waren die Täter nicht gekommen. Keiner der noch lebenden Lehrer, die in den 70er und 80er Jahren mindestens 50, vermutlich aber mehr als 100 Kinder und Jugendliche missbraucht hatten, wagte sich, die "Wahrheit" - so der Titel - aus seiner Sicht darzustellen.
Fotostrecke:Die Odenwaldschule in Hessen
Fotostrecke:Orte des Missbrauchs
Wenn man das alles liest, sieht selbst ein Blinder, wie peinlich das Motto der Todesanzeige ist: Feinde bedrohen Becker, aber der macht sich auf seinem Weg in die göttliche Sphäre davon; er steht über allen Vorwürfen, er hat sich längst gehäutet. Dass die Opfer zurückbleiben, davon wissen die Angehörigen und Hentig nichts. Sie reklamieren die Macht der Vergebung mit der Metapher der Schlangenhaut, als ob Becker durch „Häutung“ sich selbst vergeben könnte.
Nein, Becker wird in der Urne beigesetzt, seine Haut wird oder ist bereits verbrannt. Es gibt für Gerold Becker keine Häutung und keinen Weg ins Götterreich, nur den in die Geschichtsbücher: Er war ein Reformpädagoge, der sich an seinen Schülern jahrelang vergangen hat - wenn man seinen Angehörigen, Susanne Brock und Hartmut von Hentig glauben darf: bedenkenlos vergangen hat. Und die Autoren der Todesanzeige haben sich bedenkenlos an Goethe vergangen - aber das wiegt nicht so schwer.
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"Demut" ist die Überschrift eines anderen Gedichts; das kann man bei google leicht finden. Unser Gedicht stammt aus "Zahme Xenien V"; in der Ausgabe letzter Hand steht es so:
»Die Feinde, sie bedrohen dich,(Nachtrag aufgrund des dritten Kommentars; richtig ist der Hinweis auf die Textänderung: jüngst < längst. Diese Änderung muss absichtlich gemacht worden sein, als wären die Vorwürfe gegen Becker bloß alte Geschichten, "längst" erledigt: der keusche Gerold als Säulenheiliger in Bielefeld, oder in Berlin, wo Hentig jetzt lebt.) Ganz interessant zu lesen ist übrigens http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32212/1.html.
how it goes in the life... Ich wollte den Artikel über die Todesanzeige Georg Beckers aus einem word-Dokument bei norberto42.blogspot.com einsetzen, aber das dämliche Blog weigerte sich mal wieder, einen solchen Text zu akzeptieren. Darauf habe ich kurz entschlossen bei wordpress ein neues Blog angelegt, das nun endgültig die Nachfolge von norberto42.kulando.de und norberto42.blogspot.com antreten soll: http://norberto68.wordpress.com, ein Unterblog zum dortigen Literaturblog norberto42.wordpress.com. Ich glaube, ich werde bald die 100 wichtigsten Artikel des norberto42.kulando.de-Blogs nach norberto68.wordpress.com kopieren, um sie zu retten, für den Fall, dass kulando.de untergeht - es kommen zur Zeit keine neuen Blogger zu kulando.de, aber viele alte sind abgewandert.
Ich habe aber noch keine Lust, alle meine Links dort neu zu installieren, und empfehle dem gewogenen Leser, die Links in diesem kulando.de-Blog zu beachten!
bk | 14.07.2010, 11:25
N. T. | 14.07.2010, 13:33
Vielen Dank für den Hinweis, hoffentlich habe ich jetzt alle Fehler korrigiert - ich hatte aber immerhin zweimal selber den Namen richtig geschrieben.
Heijo Eck | 14.07.2010, 19:28
Die Chuzpe der Angehörigen hat auch noch eine philologische Seite: An zwei Stellen ist der Text Goethes verfälscht worden. Bei Beachtung des Kontextes hätte man vielleicht außerdem bemerkt, dass Goethe den Spruch unter den Begriff "Demut" gesetzt hat.
Gruß
he
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Der Becker hat den Vornamen GEROLD
Gruß
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