Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 20 April, 2010 15:40
Kollegiale Beratung ist Beratung durch einen Kollegen, wenn man dem Wortsinn folgt. Beratung durch einen Kollegen heißt: Man kann den Rat auch ablehnen oder einfach nicht befolgen, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen; denn ein Rat ist keine Anordnung.
Nun möchte die Schulleitung (oder Mitglieder der Schulleitung) oft gern Dinge durchsetzen, ohne dass es so aussieht, als ob sie sie durchsetzte. Dann nennt sie die Anordnung einfach "kollegiale Beratung" und tritt entsprechend freundlich auf, spricht von ihren Gefühlen, sendet Ich-Botschaften, wie das so schön empfohlen wird ... Wenn am Ende eines Gespräches aber eine Drohung steht, in welcher Form auch immer, war es keine kollegiale Beratung. Und wer am Ende eines Gesprächs droht, dem glaubt man nicht, dass er in anderen Fällen kollegial berät.
Nun ist die Sicht der Schulleitung natürlich anders als die von "beratenen" Kollegen: Es gibt da eine Machtdifferenz, die man einfach nicht ausblenden darf - auch wenn man es gern täte. Die herrschaftsfreie Kommunikation ist etwas, was Jürgen Habermas sich theoretisch ausgedacht hat, um die Bedingungen eines vernünftigen Gesprächs zu formulieren. Es ist ein Ideal - in der Wirklichkeit so blass wie alle Ideale, missbraucht wie alle Ideale. Als besonders schönes Beispiel dafür nenne ich den Papst, wenn er sich servus servorum Dei nennt, "Diener der Diener Gottes" (gemäß dem Jesuswort Mk 10,43: Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein ...); und damit es noch schöner aussieht, wäscht der Papst wie jeder Pastor und Bischof am Gründonnerstag 12 Männern die Füße (Ein Beispiel habe ich euch gegeben ...), obwohl diese bereits sauber sind (Symbol, Symbol). Wer aber nun wegen des Titels und der Fußwaschung glaubt, der Papst (oder Bischof und Pastor) übte(n) keine Macht über andere Christen aus, dem ist nicht zu helfen. Und so ähnlich ist es auch mit Mitgliedern der Schulleitung: Sie dürsten manchmal nach Kollegialität und möchten vielleicht sogar geliebt werden - aber sie kommen aus ihrer Position nicht heraus, da mögen sie noch so oft das Etikett "kollegiale Beratung" auf ein Gespräch kleben. Die Frage ist, ob man ihnen widersprechen kann, ohne bei Beförderungen übergangen zu werden; ob man Chancen hat, andere Vorstellungen zur Geltung zu bringen; ob man gegen die Schulleitung Recht haben kann. Wenn nicht, war die Idee der kollegialen Beratung ein sanfter Trick ...
Es gibt übrigens eine Umfrage zur Gesprächskompetenz der Schulleitung: http://ikms-uni-landau.limeask.com/index.php?sid=89616&lang=de
Vgl. "Das Rollenverständnis von Schulleitung"!
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