Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 01 April, 2010 09:58
Ich zeige das an zwei Beispielen.
1. Beispiel:
In Goethes Gedicht „Grenzen der Menschheit“ bekennt der Sprecher:
„Küss’ ich den letzten
Saum seines Kleides“ (V. 7 f.),
wenn der alte Vater im Blitz die Erde segnet.
Hier ist es methodisch falsch, zu fragen, was „Kleid“ bei Goethe an verschiedenen Stellen bedeutet (z.B. den Erdgeist, der der Gottheit lebendiges Kleid webt, heranziehen). Das ist falsch, weil „den Saum des Kleides küssen“ eine feste Wendung ist – man braucht diese Wendung nur bei google einzugeben, dann sieht man es: Im Orient küsste der Untertan dem König ehrerbietig den Saum des Kleides.
Das wird im Gedicht daran deutlich, dass der Ich-Sprecher sogar den „letzten Saum“ (V. 7 f.) küssen will, also ganz ergeben sein will, wie er dann auch fortfährt:
„Kindliche Schauer
Treu in der Brust“ (V. 9 f.).
Das ist nur Ergebenheit gegenüber der Majestät, mitnichten aber Hinweis auf die Emanation des Göttlichen, wie wir sie öfter bei Goethe finden – trotz Karl Eibl.
2. Beispiel:
Im Gedicht „Elsa“ von Ernst S. Steffen“ lautet die letzte Strophe:
„P. S.
Der Jugend heute fehle die Haltung,
Sagte der Pastor am Grab.
Er empfahl ihr Seelchen der Himmelsverwaltung,
Und dann warf er Dreck hinab.“
Das ist vom Begräbnis bekannt, dass der Pastor eine Schaufel Erde auf den Sarg wirft oder schüttet; wenn die Erde hier als „Dreck“ bezeichnet wird, ist das eine Abwertung, die aus dem Kontext des Gedichtes (etwa: „Himmelsverwaltung“ statt „Buch des Lebens“, usw.) zu erklären ist. Da steht jedenfalls nicht: Er bewarf sie mit Dreck. Das kann man aus der Arbeit mit einem guten Wörterbuch lernen, dass bestimmte Wendungen einen bestimmten Sinn haben. Ich greife auf Wahrig: Deutsches Wörterbuch, 8. Aufl. 2006 zurück und nenne einige Beispiele daraus:
- das geht dich einen Dreck an,
- mach deinen Dreck alleine,
- etwas in den Dreck ziehen,
- jemanden wie den letzten Dreck behandeln,
- der hat selber Dreck am Stecken,
- jetzt sind wir aus dem gröbsten Dreck heraus,
- jemanden mit Dreck bewerfen,
- ich muss mich um jeden Dreck kümmern.
Da versteht man jeweils die ganze gefügte Wendung, aber sie hat auch nur als solche ihre feste Bedeutung:
„jemanden mit Dreck bewerfen“ = Person (als Objekt) + „mit Dreck bewerfen“;
aber das ist etwas anderes als „Und dann warf er Dreck hinab.“
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