Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 23 März, 2010 11:25
Wie ich aus gut unterrichteter Quelle erfuhr, hat das Berliner Institut für Qualitätskontrolle festgestellt, dass in NRW die Abiturarbeiten Deutsch im Schnitt um eine ganze Note zu gut bewertet worden sind. - Das ist auch eine Folge der rigiden und teilweise völlig unvorhersehbaren "Lösungserwartungen" (mit unscharfen Operatoren und Aufgabenstellungen - alles schon unter "Zentralabitur Deutsch - NRW" diskutiert!), auf die die Lehrer mit einer laschen Vergabe von Punkten reagieren.
Außerdem ist eine Verbesserung der Noten (!) streng im Sinn der Landesregierung - wie man Leistungen ermöglicht und verbessert, darüber macht man sich in Düsseldorf und anderswo zu wenig Gedanken; das interessiert auch nicht primär - mit ihrer Leistungsfähigkeit müssen später die Schüler selbst klarkommen, Erfolge des Ministeriums werden in Noten gemessen. Logik des Ministeriums: Die Noten sind jetzt besser als vorher, also war unsere Reform richtig. - Ich bestreite nicht, dass eine Vereinheitlichung der Anforderungen sinnvoll ist, bezweifle aber, dass sie in allen Punkten richtig gemacht worden ist bzw. gemacht wird.
Auch an einzelnen Schulen gibt es bewährte Methoden, Noten (statt Leistungen) zu verbessern: Wie ich aus wiederum guter Quelle erfuhr, hat der Didaktische Leiter einer nicht weit entfernten Gesamtschule bei einer gemeinsam entworfenen 11er-Mathe-Vergleichsklausur nachträglich ein Viertel der Klausuraufgaben gestrichen (in einer "kollegialen Beratung" wurde diese Maßnahme durchgesetzt - mit dem Hinweis, man könne die Schüler nahe vor Kl. 12 nicht so stark frustrieren); das steigert die Noten, aber eben nicht die Leistungen. Und ob man die Schüler nicht schlimmer frustriert, wenn man sie relativ unfähig an die Uni schickt? Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen vermeintlicher Leistungsfähigkeit und vorzeitigem Abbruch des Studiums?
Auf einem anderen Blatt steht die Tatsache, dass mit Noten-Verbesserung natürlich unterirdisch auch der Kampf "der Gesamtschule" mit "dem Gymnasium" ausgetragen wird: Wo kommt man besser voran? Welche Schule fördert die Schüler besser? - Aber hier gilt das Gleiche wie oben: Note ist nicht gleich Leistungsfähigkeit, und auch am Gymnasium gibt es Lehrer, die mit guten Noten gute Arbeit vortäuschen: Wer gute Noten gibt, braucht keinen Widerspruch der Eltern (oder der Schulleitung) zu befürchten. Vgl. diesen alten Aufsatz!
Der Kampf um Schüler(zahlen) in Zeiten des Rückgangs von Geburtenziffern führt zu mancherlei Blüten, die jedoch nicht immer eine Frucht ausbilden.
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P.S. In einem Brief an mich hat besagter Didaktischer Leiter der Gesamtschule mitsamt den beiden Kollegen geschrieben und unterschrieben, dass nicht ein Viertel der Klausuraufgaben gestrichen wurde, sondern dass in gemeinsamen Gesprächen festgeststellt worden sei, "dass uns ein Planungsfehler unterlaufen ist. Der Umfang der Klausur war offensichtlich zu groß. Als Reaktion darauf haben wir eine Aufgabe aus der Wertung genommen. Dies entsprach nicht einem 'Viertel der Klausur' und wurde auch nicht vom Didaktischen Leiter 'durchgesetzt' ... Alle Beteiligten haben die in diesem Zusammenhang geführten Gespräche als absolut kollegial empfunden."
Ich hatte dem Didaktischen Leiter in einem Telefonat angeboten, durch einen erfahrenen außenstehenden Fachkollegen beurteilen zu lassen, ob die ursprünglich geplante Klausur in ihrem Umfang für eine 11. Klasse normal und angemessen ist. Dieses mehrfach vorgetragene Angebot einer Prüfung durch einen neutralen Beobachter ist nicht angenommen, also abgelehnt worden.
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