Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 22 September, 2009 17:50
Aus gegebenem Anlass „erforsche“ ich Aufgabenstellungen zu Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“. Kommissar Bärlach geht die ganze Zeit hintergründig gegen seinen Assistenten Tschanz vor – das versteht man aber erst vom Ende des erzählten Geschehens aus; der Erzähler hält sich wie Bärlach merkwürdig bedeckt, sodass man zwischenzeitlich im Unklaren bleibt, was in einem Kriminalroman nicht verwundert.
Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, wann man welche Aufgabenstellung sinnvoll durch Schüler bearbeiten lassen kann. Ich untersuche mehrere Beispiele.
1. Beispiel:
„Ich bin der einzige, der dich kennt, und so bin ich auch der einzige, der dich richten kann, ich habe dich zum Tode verurteilt.“
Weise an Beispielen aus dem Roman nach, inwiefern die Aussage berechtigt ist! Diese Aussage stammt von Bärlach; weise nach, dass dieser in der gesamten Romanhandlung Gastmann eines Verbrechens überführen will.
Erörtere Hintergründe und Zusammenhänge.
(http://www.inhaltsangabe.info/duerrenmatt/eroerterung-der-richter-und-sein-henker)
Wenn die Aufgabenstellung auch „nur“ durch den Schüler überliefert ist, so stellt sie doch ein schönes Beispiel für „schwierige“ Aufgabenstellungen dar:
* Es ist falsch, dass Bärlach in der gesamten Romanhandlung Gastmann eines Verbrechens überführen will; vielmehr liegt sein Hauptaugenmerk hier auf Tschanz, Gastmann hält er dagegen im Mordfall Schmied für unschuldig.
* Man kann prüfen, inwiefern eine Aussage richtig ist, und nachweisen, dass sie richtig ist – man kann aber nicht nachweisen, inwiefern sie richtig ist.
* Hintergründe und Zusammenhänge (welche???) kann man nicht erörtern, sondern darstellen. Erörtern kann man Thesen, die Berechtigung von Forderungen usw.
2. Beispiel:
Eine 9. Klasse eines Mönchengladbacher Gymnasiums hat in der vorletzten Stunde vor der Arbeit den Text des Romans bis S. 23 besprochen und soll ihn zur letzten Stunde bis S. 83 lesen (sinnvoll wäre bis S. 90 – dann wäre Bärlachs Zustand bekannt!). Die armen Schüler sollen dann in der Klassenarbeit vermutlich (!) so etwas wie einen Bericht schreiben – dabei ist wegen der Erzähltechnik vieles während des Erzählens nicht bekannt.
Hier gilt: Deutschunterricht als Schule des Lebens – Angriffe wilder Hunde sind nicht überraschender als das Thema der nächsten Klassenarbeit.
3. Beispiel:
In Cornelsens großartigem „Deutschbuch“ (9, Neue Ausgabe, S. 217 f.) gibt es einige Aufgaben, die dort Arbeitstechniken heißen, was ein anderes Wort für die Anfertigung verschiedener Textsorten ist. Eine davon ist ein Zeitungsbericht „über Gastmanns Leben, in dem seine Herkunft, sein Lebensweg, aber auch seine Lebenseinstellung und die Motive seines Handelns deutlich werden“ (S. 217).
* Über die Herkunft Gastmanns weiß man nichts.
* Von seinem Lebensweg kennt man nur die beiden Stationen „Türkei“ (einige Tage mit Bärlach) und Lamboing.
* Seine Lebenseinstellung ist der konsequente Nihilismus eines klugen Kopfes – ob Schüler in Kl. 9 diese Lebenseinstellung wohl verstehen?
* Über seine Motive weiß man nichts (außer dem Motiv, Bärlach in ihrem „Wette“ genannten Spiel zu besiegen); der Schriftsteller erklärt nämlich den Besuchern, Gastmann tue Gutes wie Böses „aus einer Laune, aus einem Einfall“ (S. 82), also ohne wirkliche Motivation.
Man könnte auch die Möglichkeit, einen inneren Monolog nach Gastmanns Messerwurf zu schreiben (S. 217), diskutieren – Bärlach weiß zu diesem Zeitpunkt ja viel mehr als der Leser, denkt also Dinge, die der Leser zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht kennen kann. Aber das macht nichts, man kann ja mal einen inneren Monolog schreiben lassen, dann kann keiner etwas wirklich falsch machen.
Wer solchen Deutschunterricht überlebt, den kann selbst eine Koalition unter gemeinsamer Führung von Lafontaine und Westerwelle nicht mehr erschüttern.
Den Ansatz der Analyse des Romans Dürrenmatts kann man übrigens hier finden.
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