Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 16 September, 2009 12:20
An Heinz Budes Aufsatz "Eine Frage der Weltsicht" (SZ, 14. Sept. 2009) kann man schön zeigen, was ein Argumentationsansatz ist (bzw. was man zu Recht so nennen könnte):
Bude greift auf ein Buch des Franzosen Dubet zurück, der untersucht hat, was am Arbeitsplatz als Ungerechtigkeit empfunden wird. Aus Dubets Untersuchung lassen sich drei Prinzipien der Gerechtigkeit herausfiltern: Verdienst nach Leistung bezahlen, Regeln der Gleichheit beachten, Autonomie in Dienstverhältnissen bewahren. Bude geht nun davon aus, dass Gerechtigkeit ein wichtiges Thema bei der Wahl ist, und erklärt, worauf die Parteien achten müssen, wenn sie hier nichts falsch machen (und die Wahl deswegen verlieren) wollen. Zu Budes Überlegungen habe ich kurz Stellung genommen (http://also.kulando.de/post/2009/09/16/gerechtigkeit-bei-der-wahl); hier soll es jedoch darum gehen, was sein Argumentationsansatz ist:
1. Bude geht davon aus, dass mit Dubets drei Prinzipien "Gerechtigkeit am Arbeitsplatz" zutreffend erfasst wird. 2. Er geht davon aus, dass man diese drei Prinzipien aus der Arbeitswelt auf die politische Forderung nach Gerechtigkeit übertragen kann. - Auf dieser Basis beruhen dann seine Ratschläge an die Parteien, wobei er zusätzlich (3.) davon ausgeht, dass "Gerechtigkeit" ein wahlentscheidendes Thema ist.
Was bedeutet nun "Argumentationsansatz"? Es ist die Basis der Argumentation. Oder zu Deutsch: Wenn man eine der drei genannten Prämissen ernsthaft bezweifeln kann, braucht man sich mit der Argumentation im Einzelnen nicht mehr zu befassen; sie ist dann erledigt. [Ich gebrauche dafür gern ein Bild: Wenn man die Wurzeln eines Baumes abhackt, braucht man sich nicht mehr über die Länge der Zweige zu streiten.] Meine (sprach)kritischen Überlegungen wären überflüssig, wenn man zum Beispiel nachweisen könnte, dass die Arbeitswelt ein Bereich für sich ist und von der Politik getrennt werden muss (2. Prämisse).
Man kann meine Kritik in der Tat dahin verstehen, dass politische Verhältnisse nicht mit Dienstverhältnissen in der Arbeitswelt verglichen werden können - damit würde ich zumindest beim dritten Prinzip die 2. Prämisse Budes bestreiten; das wäre dann keine Einzelkritik, sondern eine grundsätzliche Kritik an seinen Überlegungen, die auf eine Einschränkung des Geltungsbereichs der ganzen Argumentation hinausläuft: eine ganze Wurzel abgehackt, der Baum steht nicht mehr so fest, wie es scheint.
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