Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 12 September, 2009 21:05
Unter dieser Überschrift berichtete Nikolas Westhoff am 1. September 2009 in der SZ über eine Reihe psychologischer Untersuchungen. Fazit: Viele Studien belegen, „dass Belohnung die Eigenmotivation schwächt“.
a) „Wer für seine Arbeit bezahlt wird, der folgert unwillkürlich, dass er nicht um der Sache selbst willen arbeitet, sondern nur fürs Geld – und das sei eine fatale Umdeutung. Ein profaner äußerer Anreiz schiebe sich dann über das ursprünglich hehre innere Handlungsmotiv. Plötzlich beginnt der Mensch, den Wert seiner Arbeit zu messen und mit anderen zu vergleichen. Er verwandelt sich zum Erbsenzähler.“
b) Eine Studie aus Israel besagt, dass auch Bestrafung keine Verbesserung des Handelns bewirkt: Wenn man Eltern, die ihr Kind zu spät aus der Kita abholten, eine Strafgebühr zahlen ließ, kamen noch mehr Eltern als früher zu spät - sie fühlten sich durch die Strafe von der Norm, andere nicht unnötig warten zu lassen, entbunden, lautet die Erklärung.
„Noch scheuen sich die Wissenschaftler, aus ihren Befunden politische Ratschläge abzuleiten.“ Sie befürchten, man könne ihre Erkenntnisse zum Sparen missbrauchen.
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Kommentar:
1. Es gibt Arbeit, die man um ihrer selbst willen tun kann – ich habe das Glück gehabt, in meinem Leben öfter solche Arbeit erledigen zu können.
Es gibt aber auch Arbeit, die man kaum um ihrer selbst willen tun möchte – zum Beispiel auf dem Schulhof oder anderswo Kaugummis einsammeln, die von den lieben Mitmenschen achtlos ausgespuckt worden sind, oder Hundescheiße entfernen, die von unseren besten Freuden unter Anleitung ihrer gedankenlosen „Herren“ resp. Herrinnen in der Gegend verteilt wurde ...
Auch fremden Müll würde ich nur beseitigen, wenn ich dafür eine Gegenleistung bekäme – und die wird über Geld verrechnet.
2. Es ist sicher unsinnig, gute Leistungen der Schüler (Noten in einer Klassenarbeit) mit Geld zu belohnen (10 Euro für eine 1, 6 für eine 2 ...) – da sollte die Anerkennung reichen, finde ich, und vielleicht selten ein Geschenk.
3. Wo die innere Motivation fehlt – aus welchen Gründen auch immer! – kommt man um eine extrinsische Motivation nicht herum. Es kann in der pädagogischen Praxis nur darum gehen, vorhandene Motivation nicht zu zerstören: Motivation, die auch aus dem Gelingen des Tuns kommt – das bedeutet: Wir müssen das Gelingen ermöglichen!
4. Bestrafen...? Mir scheint klar zu sein, dass man durch Bestrafung nicht verhindert, dass Grenzen überschritten werden.
Mir ist aber genauso klar, dass man Menschen ihre Grenzen aufzeigen muss – den Flegeln im Straßenverkehr so gut wie den Flegeln in den Chefetagen oder im Klassenraum. Manchmal habe ich halb im Scherz zu einem Schüler gesagt: „Scheuer du ihm eine, ich darf es nicht.“
5. Politische Konsequenzen – sollte man nicht gleich aus jedem Forschungsbericht ziehen: Mit etwas Glück erlebt man, dass in fünf Jahren ein neuer Forschungsbericht genau das Gegenteil des alten verkündet. Außerdem muss man schließlich Geld haben (verdienen?) - womit will man sonst die Brötchen bezahlen, die der Bäcker nicht um ihrer selbst willen anfertigt?
Auch pädagogische Konsequenzen sollte man nicht gleich aus jeder „Studie“ und jedem Gutachten ziehen – zu viele Gutachter sind bezahlt, zu viele Studien sind bald überholt, zu viele Schlussfolgerungen sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen: Man sollte den eigenen gesunden Menschenverstand gebrauchen und nur ganz vorsichtig etwas ändern: Wenn man selber den Sinn der Änderung versteht und auch gegen Widerstand vertreten kann.
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Fazit: Man muss viel sorgfältiger zwischen Anerkennung / Gegenleistung (tit for tat) / Geld als Belohnung unterscheiden; man muss auch Mittel haben, um in einer arbeitsteiligen Wirtschaft Arbeitskräfte für jede Aufgabe zu gewinnen; und schließlich muss man wissen, dass die gute Natur der Säuglinge [von Rousseau und den Psychologen angenommen] in der realen Welt auf einmal nicht mehr zu finden ist - wenn sie denn je da war.
Christian Wolf: Macht Armut dumm?
Wie sich das Gehirn und die geistigen Anlagen eines Kindes entwickeln, hängt auch von Wohlstand und Bildung seiner Eltern ab. Unter einem niedrigen „sozioökonomischen Status“ leiden vor allem Sprache, Arbeitsgedächtnis und Handlungsplanung. (Gehirn & Geist, 8. Sept. 2009, abrufbar unter http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/1003009)
wallibelli | 17.07.2010, 21:44
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Da ist Einiges dran. Schon Konfuzius sagte: "Wer liebt was er tut, wird in seinem Lenen niemals arbeiten." Geld bedeutet Abhängigkeit im Tun, ein schlechtes Gewissen. Es schränkt die Freihiet der Selbstverwirklichenden Kreativität ein. Es macht nicht nur faul, sondern führt oft zu schlechteren Ergebnissen. Es manipuliert. Sicher muss seinen man Lebensunterhalt verdienen. Mehr brauche ich aber nicht. Weil ich mir meine Unabhängigkeit und innere Freiheit nicht nehmen lasse. Mir hat mal ein Unternehmensberater gesagt:
Du bist mehr als 5.000,- € pro Tag wert und verkaufst dich für'em Appel und Ei. Du machst Deinen Job nicht, um Geld zu verdienen, sondern um Dich selbst zu verwirklichen. Ja, hab' ich ihm geantwortet. Weil ich lebe und liebe was ich tue. Und das ist mein Glück. Nicht das Geld. Die Konsequenz für solche Menschen: Sie brauchen einen Manager,der ihre Geldangelegenheiten regelt. Sie selbst können das nicht. Weil sie keinen Bezug zum Geld haben. Meine Honorare handelt meine Frau aus. Ich weiß davon nichts. Es würde mich unglücklich machen.
Dieses Phänomen hat man oft bei Menschen, die ihre Berufung zum Beruf machen.
Z.B. Künstler, creativ tätige, Profisportler. Wenn die wüßten, was andere für ihre Leistungen bezahlen, viele davon würden in Blokade erstarren.