Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 30 März, 2009 19:49
vorgeführt an Rätseln: Wie man Bilder nur versteht, wenn man sie nicht einzeln „deutet“, sondern sie im Zusammenhang sieht. (Vgl. den folgenden Aufsatz über surreale Bilder und den übernächsten über Gleichnis und Fabel!)
1. Am einfachsten ist ein solcher Bildzusammenhang zu verstehen, wenn es an einer Stelle einen wörtlich (statt bildhaft) gemeinten Bezug zur Welt gibt:
„Es flog ein Vogel federlos
Auf einen Baum blattlos,
Da kam die Frau mundlos
und fraß den Vogel federlos.“
Wörtlich gemeint ist der blattlose Baum - nur sagt einem das normalerweise keiner! Wenn man den „Vogel federlos“ darauf „fliegen“ sieht, ist das Rätsel so gut wie verstanden: Wann sind die Bäume blattlos, und welche federlosen „Vögel“ lassen sich in der Zeit darauf nieder? Das Attribut „federlos“ weist den „Vogel“ als Nicht-Vogel aus.
2. Wenn gar nichts mehr wörtlich gemeint ist, hat man nur Bilder, die als verstandene zueinander passen müssen: Sie dürfen also nicht einzeln „gedeutet“ werden, wie Schüler das gern tun [und womit sie nur Unverstand bezeugen]:
„Mein Körper ist von Holz, sehr leicht zu brechen,
Mein Herz kann ohne Stimme zu euch sprechen.“ (J. P. Hebel)
Ohne Stimme sprechen, das ist „sprechen“;
dann haben wir das Verhältnis „Körper - Herz“,
und der „Körper“ ist aus Holz - das ist wörtlich gemeint: Die Eingangswendung „nichts mehr wörtlich gemeint“ stimmt also nicht - wenn gar nichts wörtlich gemeint ist, ist nichts verständlich, wenn es nicht eine Konvention gibt, die ein Bild erschließt (etwa Rose: Liebe). - Johann Peter Hebel spricht von einem Schreibgerät, „sprechen“ ist hier so viel wie ‚schreiben‘.
3. Man kann darüber streiten, ob die dritte Sorte von bildhaften Rätseln noch schwerer als die zweite zu lösen ist. Hier kommt ein Hals vor, der einmal wörtlich und einmal rein bildhaft verstanden ist; der wörtlich verstandene Hals ist aber bereits eine Metapher, wenn auch eine verblasste. Er ist als solcher auch heute bekannt, aber der im Rätsel beschriebene Vorgang ist heute weithin unbekannt: Da wird etwas umgefüllt, will ich verraten.
„Ich hab‘ ein weites Maul,
Zum Trinken niemals faul,
Jedoch mein Hals ist schmal,
Den muß ich jedesmal,
Bekomm‘ ich was zu schmecken,
In einen andern stecken;
So kommt mein Trinken auch
Zugut‘ dem fremden Bauch.
Mein Trost ist: Jenem bricht
Man oft den Hals, mir nicht.“ (Wilhelm Hauff)
Wir haben den Bildzusammenhang Hals-Maul-trinken-schmecken,
den Vorgang „meinen Hals“ in einen andern stecken,
„Bauch“ als Bild (wohin das Getrunkene vom Hals fließt) und zugleich als verblasste Metapher, in dem Sinn also wörtlich gemeint... - nur dass wir heute in der Regel anders als durch Halsbrechen an Getränke kommen.
Fazit: Bilder bitte nur im Zusammenhang verstehen, nicht einzeln spinnend „deuten“! (Vgl. dazu diese Analyse von Benn: Einsamer nie)
Zum Abschluss ein Rätsel, das sich aus Redensarten zusammensetzt, die alle das gleiche Wort enthalten - nach der ersten Zeile müsste einem schon die Lösung einfallen:
Gefürchtet ist, wer‘s auf den Zähnen hat,
Wer‘s in der der Suppe findet, hat sie satt:
Und einer, der es spaltet, der beweist,
Dass er ein Krittler ist und kleiner Geist.
Nachdenkliche Schlussbemerkung: Rätsel zu lösen macht Spaß, bildhafte Rätselreden zu verstehen gilt in vielen Kulturen als hohe geistige Leistung, als ein Zeichen von Kultiviertheit: Wie schaffen wir es bloß, dass die Leküre und „Interpretation“ von Gedichten für viele Schüler eine Qual ist, bei der sie nur dummes Zeug von sich geben?
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