Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 23 Dezember, 2008 20:50
Ich möchte hier erklären, was ich unter der „Semantik der Reime“ verstehe. Von einem Reim spricht man bekanntlich, wenn Wörter im Klang einander entsprechen; in der Regel meint man damit, dass die Wortenden einander im Klang gleichen.
Das ist zunächst ein spielerisches Element, da wir Wörter primär nach ihrer „Bedeutung“ in einem Satz zusammenfügen, nicht nach ihrem Klang: Gleichklang, das ist ein schönes Spiel. Oft gelingt es Dichtern aber, in den reimenden Wörtern eine Sinn- oder Bedeutungsbeziehung zusätzlich zur normalen Aussage des Satzes herzustellen. Dabei geht es nicht um die Wörter, sondern um Verse, die so aneinander gebunden werden. Ich möchte das am Beispiel erklären:
Trakl:
Verfall (1913)
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenräder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
In V. 2 und 3 reimen sich „Flügen / -zügen“; dadurch wird die Aussage, dass das lyrische Ich „der Vögel wundervollen Flügen“ folgt, mit dem Vergleich dieser Vogelzüge mit frommen Pilgerzügen zusammengebunden. Der Vergleich erweitert das Spektrum der Vogelflüge, fügt ihnen einen religiösen Anklang hinzu, so etwas wie ein Attribut.
In V. 1 und 4 reimen sich (unsauber) „läuten / Weiten“: Wenn die Glocken Frieden läuten, entschwinden die Vögel in den klaren Weiten. Man könnte hier eine reine Zeitbestimmung sehen, man könnte im Friedensläuten aber auch eine Heilsdimension berührt sehen: In den klaren Weiten entschwinden, das heißt, dem Paradies zufliegen.
Für diese zweite Lesart spricht auch das Reimpaar in V. 6 und 7: „Geschicken / rücken“. Von ihren helleren, besseren Geschicken zu träumen, das versetzt in den Zustand des zeitlosen Glücks (der Stunden Zeiger, das Vergehen der Zeit nicht mehr spüren).
Das Gleiche kann man für die anderen Reime des Gedichts durchspielen - es geht mir nicht um die Vollständigkeit, sondern um die Plausibilität des Beispiels. Gegen dieses gekonnte Reimen steht das banale, bei dem sich „Herz“ immer auf „Schmerz“ reimt oder bei dem das (semantisch kaum oder nicht passende) Reimwort gefunden werden muss, damit ein Reim zustande kommt: Reim' dich, oder ich fress' dich! Ich möchte ein Beispiel zitieren:
-6-3- Blätter schweben leis' vom Baum ...
Blätter schweben leis' vom Baum
wirbeln lautlos in den Sand
sachte und man spürt es kaum
wie von unsichtbarer Hand.
Sanfter Wind löst in den Wipfeln
Blatt für Blatt von allen Zweigen
in den Tälern und auf Gipfeln
stapelt Laub vom Blätterreigen.
Bunte Tupfer in den Kronen
halten sich an Ästen fest
denn der Herbst will uns belohnen
läßt noch einen Farbenrest.
Doch nach vielen großen Stürmen
fegt der Herbst das letzte Blatt
schichtet es zu kleinen Türmen
und der Baum wirkt kahl und matt.
(Adeles Lyrik, www.bloghof.net)
Der erste Knaller ist „Wipfeln / Gipfeln“: Die Gipfel müssen her, damit die Wipfel nicht vereinsamen, aber auf den Gipfeln stapeln sich beim besten Willen keine Blätter, wenn ein mildes Lüftchen weht („schweben leis...“, V. 1); wenn die Blätter schweben, dann wirbeln sie auch nicht: Bruch des Bildes.
Blätter in den Kronen / der Herbst will uns belohnen, er schickt uns grüne Bohnen, um den Verstand zu schonen... Oder zu Deutsch: dass der Herbst uns belohnen will, ist ein Quark, der nur des Reimes wegen erdacht ist. Dass der Herbst dann das letzte Blatt (eines!) fegt, mag angehen, aber dass er ein Blatt zu kleinen Türmen schichtet, ist ein Wunder, was nur der Reimbedarf des schönen Wortes „Stürmen“ erklären kann:
Doch nach vielen großen Stürmen
kommen auch die ersten Würmen,
und der Baum wirkt kahl und matt,
denn das Reimen hat er satt.
Reime machen mich bald platt
wie im Schach ein schnelles Matt,
wie der alte Schäferzug:
Schluss, aus, Punkt: genug!
rip | 25.12.2008, 01:00
jule | 11.02.2009, 21:36
gibt es literatur zu diesem thema?würde mich sehr interessieren..
norberto42 | 12.02.2009, 08:43
Hallo, Jule,
ob es dazu Literatur gibt? Sicherlich - das meiste ist leider rein technisch, sortiert also alle möglichen Sorten von Anklang und Reim, ohne nach dem Sinn zu fragen.
Vielleicht hilft dir Bünting: Ratgeber Stilsicheres Deutsch, tandem-Verlag 2008, kostet nur 3 Euro! Dort das Kapitel "Sprachliche Formen und stilistische Mittel", S. 138 ff.
Das ist die Ausarbeitung einer Vorlesung, die du im Netz findest (Was ist Stil?).
Gruß, n.
samara | 13.02.2009, 23:54
Vielen Dank für Ihre Arbeit. Schön, wenn Beruf Berufung scheint.
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... habe ich mich auch schon oft geärgert. Vielen Dank für die sehr treffenden guten und schlechten Beispiele!
Und hab Dank für deine lyrischen Ausführungen im Kommentar zu meinem Hinweis im Grundkurs Deutsch-Blog. Ich hab's sehr genossen :)