Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 07 Oktober, 2008 20:17
Arthur Brühlmeier habe ich im Internet „kennengelernt“, d.h. ich habe seine Seite mit einem bemerkenswerten Aufsatz über die Probleme des Benotens (beurteilen oder bewerten?) gefunden (http://www.bruehlmeier.info/). Er hat mir kürzlich sein Buch „Menschen bilden. 27 Mosaiksteine“ (Baden-Verlag 2008, 2. Aufl., 20 Euro) geschickt.
Worum geht es? Es geht um das, worum es in der Schule gehen sollte: Menschen zu bilden. Also nicht um bessere PISA-Ergebnisse und die neuen Methoden und Lernziele, sondern ganz einfach um das Elementare: Menschen zu bilden. Brühlmeier trägt Gedanken im Geist Pestalozzis, den er als den großen Erzieher verehrt, und in den Worten Pestalozzis vor; jedem der 27 Kapitel ist ein Satz Pestalozzis vorangestellt:
„Allgemeine Emporbildung der inneren Kräfte der Menschennatur zu reiner Menschenweisheit ist allgemeiner Zweck der Bildung.“ Na, ja.
„Der Jugendunterricht muss in seinem ganzen Umfang mehr kraftbildend als wissensbereichernd sein.“ Toll!
„Das Tier taugt zu allem, was es soll, vollkommen; der Mensch zu nichts recht, als was er lernt, übt und liebt.“ Zumindest der zweite Satz ist beachtlich - lassen wir den ersten als Kontrast stehen.
Und von Brühlmeier selber eine Kapitelüberschrift: „Disziplin heisst: da sein!“ Fabelhaft!
Als Deutschlehrer habe ich das Kapitel „Dreissig Wochenstunden Sprachuntericht“ (Kap. 23) mit besonderem Interesse gelesen: dass die Pflege der Sprache Aufgabe aller Fächer ist. Drei praktische Ratschläge gibt der Autor: viele Sprachanlässe schaffen (das freie Schülergespräch!), Korrektur durch den Lehrer, ein gutes Vorbild im Sprechen sein. Im Zusammenhang mit dem dritten Punkt, der eigentlich selbstverständlich ist, nennt Brühlmeier den Frontalunterricht und das Erzählen als Formen, wo der Lehrer stark als Sprechender agiert. - Ich selber habe festgestellt, dass die Schüler bis in die Sek. II hinein sich auch freuten, wenn ich ihnen eine schöne Geschichte vorgelesen habe.
Was die Pestalozzi-Exegese angeht, die es im Buch auch gibt (Erziehung ist in der immer gleichen menschlichen Natur verankert - die Erziehungskunst wandelt sich im Lauf der Zeit), so ist sie für mich unerheblich. Aber die damit verknüpften Ideen der Erziehung und des Unterrichtens sind wunderbar, die kann ich nur unterstreichen, etwa
* dass Unterricht mehr kraftbildend als wissensbereichernd sein soll,
* dass seine Kräfte zu gebrauchen „etwas leisten“ heißt,
* dass hier dem Prozess größere Bedeutung als dem vorzeigbaren Ergebnis zukommt,
* dass Umgangsformen etwas über die Haltung die Verbindlichkeit unseres Auftretens aussagen,
* dass man bei einer Sache verweilen können muss und sich nicht vom Lehrbuch erschlagen lassen darf,
* dass die Schüler Offenheit mitbringen müsssen...
Vielleicht versteht man das alles in seiner Tiefe erst, wenn man zehn Dienstjahre auf dem Buckel hat?
Für wen ist das Buch geschrieben? Ich denke, es ist für alle geschrieben, die noch einmal über Schule nachdenken wollen, vom Referendar bis zur Kultusministerin [aber ob die wirklich noch einmal über die Schule nachdenken will?]. Also vielleicht für Leute, die die zehn Merkmale guten Unterrichts (H. Meyer) kennen und nun die Seele oder den Geist suchen, der hinter den zehn Merkmalen steht. Fachleiter sollten es lesen, damit sie sich noch einmal überlegen, was sie ihren Referenaren ans Herz legen sollten (resp. was sie benoten sollen - wenn es denn nicht darum gehen kann, die 17. mediengestützte Rolle rückwärts vorzuführen). Auch Referendaren schadet die Lektüre nicht; aber diese verstehen sowieso vieles von dem, was sie „jetzt“ lernen, erst in ein paar Jahren - das war jedenfalls meine Erfahrung. Und auch Spiegel-Leser (http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,584417,00.html) werden es zu schätzen wissen!
In der 2. Auflage sind die speziellen Schweizer Aspekte getilgt - auch wenn ich nicht weiß, was 16jährige Lehrerstudenten sind (das ist aber der einzige Schweizer Punkt). Auch denke ich über Gott und den Religionsunterricht in staatlichen Schulen anders als A. Brühlmeier. Ohne Einschränkung kann ich seinem Schluss zustimmen: Eine gute Schule gibt es nicht durch Verordnungen, sondern nur durch gute Lehrer.
Markus Märkl | 11.10.2008, 12:41
Ilse Nisch | 30.01.2009, 07:31
Dem Lob des Buches möchte ich mich schon heute anschließen, wenngleich ich gerade erst das Kapitel über die Sprache gründlich gelesen habe. Auch die Homepage des Autors ist nicht nur interessant, sondern geradezu erfrischend und, durchflochten mit den scheinbar am Rande stehenden Blumenfotos, ein besonderes Aha-Erlebnis. Danke für ein so engagiertes und lebensfrohes Werk!!!
I. Nisch, Berlin
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...sollte für jeden "Lehrenden" Ehrensache sein. Wir erwarten das ja täglich von den Schülern. Danke für den Tipp, es hört sich sehr gut an, was du über das Buch schreibst!
Übrigens: Kultusminister sind keine Gesprächsgeister des Weltgeistes, sondern der Mehrheitsfraktion.