Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 28 März, 2008 20:29
In der letzten Woche habe ich mich hier so intensiv mit Bölls Kurzgeschichte befasst [hier in dieser Kategorie "Lesen - Hermeneutik", unter der Überschrift "Vom Missbrauch der Literatur" und "Wie genau kann man lesen?", meine Analyse dann hier zu finden], dass ich die Gelegenheit nutzen möchte, einmal exemplarisch die methodischen Fehler aufzuzeigen, die üblicherweise bei der "Analyse" von Erzählungen gemacht werden. Ich beginne mit der Interpretation, wie Stefan Leichsenring (leixoletti) sie vorgelegt hat:
Die Interpretation von Stefan Leichsenring (leixoletti)
In der konsequent aus der Ich-Perspektive erzählten Geschichte wird gezeigt, wie das zur Zeit des Nationalsozialismus übliche Bildungssystem als Vorbereitung für den Heldentod dienen konnte.
Wenn der Soldat an den Gemälden im Schulhaus vorbeigetragen wird, so ist das wie die Promenade durch eine Ausstellung, nur dass hier der Betrachtende nicht ein Schöngeist ist, der von Gemälde zu Gemälde schreitet, sondern ein Sterbender, der getragen wird. Die Abfolge der Bilder ist allerdings nicht streng historisch, sondern Antike und Gegenwart sind bunt durchmischt. Es geht Böll nicht um die Geschichte, sondern um die Bildungsinstitution des preußischen Gymnasiums. (1)
Humanismus und Nazitum
Humanistische Bildung (Griechenland, Rom) und Nazi-Ideologie wurden in der Schule parallel vermittelt - bis hinein in den Zeichenunterricht. So wurde das Zitat von dem Spartaner Leonidas ("Wanderer, kommst du nach Sparta, so sage, du habest uns liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.") für Schreibübungen verwendet.
Leonidas (übrigens auch der Name einer hervorragenden belgischen Pralinenmarke - pardon) verteidigte 480 vor Christus mit 300 anderen den Thermopylenpass gegen die anrückenden Perser und opferte sein Leben und das seiner Kameraden im Kampf. So ist das Zitat ein Verweis auf die Helden-Ideologie des Nationalsozialismus. Doch das Zitat ist verstümmelt (weil die Tafel zu kurz war) - wie der junge Soldat (2), den die Folgen dieser Ideologie das Leben kosten.
Belsazar und das Menetekel
Gleichzeitig spielt die Handschrift an der Tafel auf die biblische Erzählung von dem babylonischen Herrscher Belsazar an, dem eine Feuerschrift an der Wand das Ende seines Reiches prophezeit (3). Diese Botschaft, "Mene mene tekel, ufarsin", bedeutet "gewogen und zu leicht befunden". Das kann auch ein hämischer Kommentar zum Schicksal des jungen Soldaten sein. Oder es lag Böll daran, den Untergang Babylons und den des Nazireiches in eine Parallele zu bringen.
Kurz nachdem der Soldat seine Handschrift erkannt hat, wird ihm klar, wie stark er selbst verwundet ist: Ihm fehlen beide Arme und ein Bein. Auf dem Operationstisch liegend, kommt er sich wie ein Embryo vor. Das Verlangen nach Milch ist der Wunsch, in die Kindheit zurückzukehren. (4)
Kulminationsgeschichte
Bei "Wanderer, kommst du nach Spa..." handelt es sich um eine Kulminationsgeschichte: Die Ahnung des jungen Soldaten, es könnte sich um seine eigene Schule handeln, wächst allmählich, wird langsam zur Gewissheit. Doch erst als der Soldat seine eigene Handschrift erkennt, kann er sicher sein. Der Soldat kommt vom Erdgeschoss nach oben, eine Bewegung, die sich parallel zu der wachsenden Gewissheit abspielt und diese äußerlich erfahrbar macht. Die von draußen hereindringenden Artilleriegeräsche tragen dazu bei (5), das Bild eines sich allmählich steigernden Infernos entstehen zu lassen.
Böll versucht so, die Spannung langsam zu steigern (6). Doch die Geschichte verfehlt ihre Wirkung auf den Leser: Der Soldat will es nicht wahrhaben, für den Leser steht aber schon bald fest, dass es sich um die Schule des Soldaten handelt.
Böll versus Hemingway
Im Unterschied zu den Geschichten Hemingways - etwa "Soldaten zuhaus" - scheut sich Böll nicht, die Gefühle des Soldaten zu schildern. Er hat "überall Schmerzen", sein Herz schlägt "wie verrückt", er erschrickt "tief und schrecklich". Hemingway hätte die Gefühle des Schwerverletzten nicht so drastisch geschildert, Hinweise gegeben, aber das Schreckliche an der Lage des Soldaten der Phantasie des Lesers überlassen. (7) [http://www.leixoletti.de/interpretationen/wanderer.htm]
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Die Ziffern im Text stammen von mir und markieren die Stellen, zu denen ich jetzt etwas sagen möchte:
(1) Hier und im Kontext werden zwei Fehler gemacht: Einmal wird Böll nicht vom Erzähler unterschieden, und zweitens wird die Stellungnahme des Erzählers zu dieser preußischen „Gymnasialbildung“ unterschlagen! Der Erzähler drückt seine Verachtung dieser Bildungsidee, zumindest eine große Distanz aber sehr deutlich aus. Methodische Forderung: den Ich-Erzähler und seine Sicht als die wesentliche vermittelnde Instanz beachten, nicht nur „die Ereignisse“!
(2) Die Gemeinsamkeit im „verstümmelt“ ist vordergründig und hängt am puren Wort; genauso gut könnte man sagen, der Satz sei unvollständig o.ä. – man sollte seine Zeit nicht auf die Suche nach solchen vermeintlich tieferen Bedeutungen verschwenden.
(3) Das ist pure Phantasie! Eine göttliche Feuerschrift ist etwas anderes als die eigene Handschrift. – Wieder wird hier nicht beachtet, was für eine Qual das Schreiben früher dem Erzähler war und was das Wiedererkennen jetzt bedeutet: Gewissheit, in der eigenen Schule zu sein, und damit Gewissheit, sterben zu müssen. – Die im Text vermittelte Bedeutung der Handschrift wird nicht beachtet, dafür wird eine andere Bedeutung erfunden.
(4) Wieder wird der Text nicht beachtet: Der Erzähler erinnert sich daran, dass man als Schüler beim Hausmeister Milch trinken und gegen alle Vorschriften sogar rauchen durfte.
(5) Die Artillerie erinnert den Erzähler an Bilderbuchgeschichten vom Krieg; das Inferno wird eher am Anfang deutlich (niemand weiß, ob es Tote gibt, und Verdunkeln wird angesichts der brennenden Stadt für sinnlos erklärt) sowie am Ende, als der Erzähler seine tödliche Verwundung begreift.
(6) Das ist eine Folgerung aus einer falschen Beobachtung. Außerdem ist die Annahme, Böll (der Erzähler!) wolle in der Schulfrage „Spannung“ erzeugen, unsinnig.
(7) Das Wesentliche hat Leichsenring nicht verstanden: die Spannung zwischen dem preußischen Bildungsideal und der Wirklichkeit; die mehrfach markierte Sinnlosigkeit des Sterbens des Erzählers; die Erkenntnisse des Ich-Erzählers; die Bedeutung des Hausmeisters und des Kreuz-Flecks. Leichsenring hat a) den Text nicht genau genug gelesen und b) den Ich-Erzähler zwar genannt, aber seine „Leistung“ völlig übersehen.
Aus einer Schülerinterpretation:
Dieser Flur ist mit „grüner Ölfarbe gestrichen“ (S.45) und mit „altmodischen Kleiderhaken“ versehen. Die Kleiderhaken könnten dafür stehen, dass die Schule ebenfalls so altmodisch ist, und das was in ihr vermittelt wurde. Der Flur ist eventuell der „Weg der Hoffnung“, wegen der Farbe Grün. Grün steht nämlich für Hoffnung, Natur, Wachstum, Unreifes, Ruhe. (http://www.kunstdirekt.net/Symbole/exkurssymbollexderkunstzahlen.htm) Dass Grün für den Wachstum steht, könnte man auch eventuell auf den Soldaten beziehen, der vor kurzem die Schule verlassen hat, um erwachsen zu werden, doch jetzt kommt er wieder zurück in die Schule und wünscht sich sogar ein Embryo zu sein (S.54/55).
Dazu mein Kommentar:
1. Die Kleiderhaken stehen für gar nichts, sondern dienen dazu, dass man daran etwas aufhängt. Dass sie altmodisch sind, passt zu dieser und zu allen Schulen; dass die Unterrichtsinhalte „altmodisch“ waren, kann man an der satirisch gefärbten Wahrnehmung der Büsten und Bilder sehen, nicht an den Kleiderhaken!
2. Methodisch falsch ist es, zu „grün“ das ganze Wörterbuch abzuschreiben (später noch schlimmer zu „gelb“!).
3. Grün ist eine Farbe und steht für gar nichts.
4. Den inneren Widerspruch zwischen „erwachsen werden“ und „Embryo sein wollen“ bemerkt der Autor nicht; er schreibt drauf los.
5. Der Erzähler wünscht nicht, ein Embryo zu sein! Vielmehr sieht er sich (verzerrt) im Glas der Glühlampe über ihm gespiegelt: „ein schmales, mullfarbenes Paketchen wie ein außergewöhnlich subtiler Embryo: das war also ich da oben.“
Der Embryo taucht nur in einem Vergleich auf, und zwar als [verzerrte] Festellung (nicht Wunsch!) des eigenen Aussehens. Man könnte darin die spätere Erkenntnis, dass er ein Bein und die Arme verloren hat, vorausgedeutet oder vorbereitet sehen.
Fazit: Diese Interpretation krankt daran,
a) dass wild „Bedeutung“ gesucht und erfunden wird,
b) dass das Wörterbuch hilflos abgeschrieben wird,
c) dass alles munter kombiniert wird,
d) dass nicht exakt gelesen wird;
e) es wird überhaupt nicht gefragt, was eigentlich erzählt wird - es werden nur Einzelheiten selektiv wahrgenommen und „gedeutet“.
Es geht insgesamt darum, dass man die Begriffe der Erzähltheorie nicht nur nennen, sondern mit ihnen als Werkzeugen auch arbeiten kann: http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahltexte_analysieren http://norberto42.kulando.de/post/2005/12/22/erzahlen_literarisch_nach_tts
Um das am „Ich-Erzähler“ kurz zu demonstrieren: Wenn es den Ich-Erzähler gibt, dann kann man zunächst nur darauf achten, wie dieses ICH seine Schulzeit erlebt hat und „jetzt“ die Welt erlebt. Es ist also falsch zu meinen: Die Umgebung prägt den Menschen immer, also hat die Schule auch das ICH geprägt. Es ist falsch, der Handschrift des ICH an der Tafel eine Bedeutung zu geben, die einem gerade einfällt, statt darauf zu achten, was das Ich über die Begegnung mit der eigenen Handschrift sagt; es ist Unsinn, bei „Spa...“ an den belgischen Ort Spa zu denken, statt „Spa...“ als das damals nicht vom Ich zu Ende geschriebene „Sparta“ zu lesen. Es ist dann auch falsch, über das Wort „verstümmelt“ eine tiefere Beziehung zwischen dem Körper des ICH und dem Wort „Spa...“ herzustellen; wenn ich als Leser das Wort „Spa...“ verstümmelt nenne, habe ich mit dieser Metapher (statt mit der Wendung „mitten im Wort aufgehört“, „passte nicht in die Zeile“ o.ä.) den Grund für den späteren Fund des Tiefsinns selbst gelegt. Und dass der Ich-Erzähler ohne Namen ist, bedeutet auch nichts - so spricht eben ein monologischer Ich-Erzähler: Er eröffnet eine Perspektive, das ist alles! (Der Taugenichts hat auch keinen Namen.)
Auch antwortet der Text nicht auf alle meine Fragen: Ja wie kam es denn, dass die Jugendlichen trotz humanistischer Bildung sich von Hitler verführen ließen? So kann man fragen, aber der Text muss darauf nicht antworten!
Einige methodische Fehler bei der Gedichtanalyse habe ich in meinem Aufsatz hier unter "Methodisches" aufgezeigt (Gedichte analysieren: Methode der Gedichtanalyse).
Karim | 21.08.2008, 08:29
kathi | 08.03.2009, 21:04
und wie kann man jetzt diese kurzgeschichte deuten?wenn man nur mehr das betrachtet was man sieht und keine metaphern mehr bildet, warum gibt es dann metaphern, warum gibt es dann kurzgeschichten, warum gibt es ein offenes ende, wenn man nur das betrachtet soll was die erzählung direkt wiederspiegelt???
ICH bitte um eine Interpretation ihrerseits, wenn sie bereit sind sich diese mühe zu machen.danke mfg katharina
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Kompliment an alle!!! Ihr habt mir sehr geholfen.