Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 23 März, 2008 20:49
Analyse der Struktur einer Erzählung als Beispiel - zur Demonstration, wie genau man lesen kann
Die Herausgeber von „Ethik & Unterricht“ beziehen sich im Editorial von Heft 1/2008 auf einen Essay Pierre Bayards, in dem dieser behauptet, dass Bücher eigentlich nicht gelesen würden. Leser würden demnach primär von Dingen angezogen, „die sie bereits kennen, das Wiedererkennen fesselt, die Identifikation. Das heißt, der Leser folgt nicht der Geschichte des Buches, sondern seiner eigenen, mit der er die des Buches allenfalls vergleicht. Oft liest er jedoch so selektiv, dass nur die eigene Geschichte übrig bleibt.“ (S. 1) Das mag faktisch häufig stimmen und zu den Theorien des Konstruktivismus passen. Was folgt daraus? Daraus folgt, dass man richtig zu lesen lernen muss. Ich vertrete die These, dass man das auch lernen kann. Was bei einem solchen Lesen herauskommt, möchte ich an Bölls Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa...“ durchspielen: die sicher erkennbare Struktur der Erzählung ermitteln und die offenen Stellen als solche benennen. [Vgl. auch den Aufsatz über den Missbrauch der Literatur, hier am 21. März 08!]
Die Hauptfigur ist der Ich-Erzähler (E). Ort des Geschehens ist ein Gymnasium in Bendorf, der Heimatstadts E.s. Das Geschehen spielt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs; Bendorf wird beschossen und brennt, eine Verdunkelung (als Schutz vor Fliegerangriffen) ist sinnlos geworden, die Verwundeten und Toten werden ins Gymnasium gebracht.
E macht zwei Bewegungen, eine Orts- und eine Erkenntnisbewegung; das ist das erzählte Geschehen. Er wird als Verwundeter vom Auto „draußen“ (Wanderer, kommst du nach Spa..., dtv 1965, S. 35) in den Zeichensaal der Schule getragen, zum Ort der Verwundeten (S. 35), in den E unter einer Zeusbüste „schwebte“ (S. 37).
Mit dieser Orts- ist eine Erkenntnisbewegung verbunden; während E durch die Flure getragen wird, an den Klassenräumen und Kunstdenkmälern der Schule vorbei, erwartet er am Ende das Bild von Togo: „Wenn jetzt, dachte ich flüchtig... wenn jetzt... aber da war es schon: das Bild von Togo (...).“ (S. 36) Auf einer Banane sieht er ein Gekritzel, „ich selbst musste es hingeschrieben haben“ (S. 37). Von diesem Augenblick an wehrt E sich gegen die Erkenntnis, in der eigenen alten Schule zu sein: „Ich wollte nichts mehr sehen.“ Er lässt im stinkenden Zeichensaal eine Zigarette anmachen: „Alles das, dachte ist, ist kein Beweis.“ (S. 37) Er legt sich zurecht, wieso er nicht in seiner Schule sein kann, und beruft sich schließlich auf sein Gefühl (S. 37). Die Erkenntnis kommt dann schrittweise: Er ist in einer Schule (S. 38); ist in einem humanistischen Gymnasium in Bendorf, seiner Heimatstadt (S. 39); erst als er zur Operation hinter die Tafel gebracht wird, erkennt er dort den Spruch in seiner eigenen Handschrift, spürt sein Herz und vollendet die Erkenntnis, dass er in seiner alten Schule ist (S. 42).
Auf seinem Erkenntnisweg gibt es eine Wende, die durch den Gedanken bzw. die Frage eingeleitet wird, „wieviel Namen wohl auf dem Kriegerdenkmal stehen würden, wenn sie es wieder einweihten“ (S. 39: also nach dem Krieg). Da kommt E plötzlich die Gewissheit: „wenn ich wirklich in meiner alten Schule war, würde mein Name auch darauf stehen“ (S. 40), mit dem Spruch im Schulkalender: „zog von der Schule fort ins Feld und fiel für...“ Und an der Stelle kommt der Wunsch nach Erkenntnis auf: „Aber ich wußte noch nicht wofür und wußte noch nicht, ob ich in meiner alten Schule war. Ich wollte es unbedingt herauskriegen.“ (S. 40) Hier wird deutlich, warum es für E bedeutsam ist zu wissen, ob er in seiner alten Schule ist. Vielleicht kann man hier auch erschließen, warum er sich gegen diese Erkenntnis wehrt: gegen die Gewissheit seines Todes, die daran gebunden ist, dass er sich in seiner alten Schule aufhält.
Die zweite offene Stelle wird hier durch das „es“ markiert: es herauskriegen; „es“ bezieht sich sicher auf den letzten Satz (ob ich in meiner alten Schule war), vielleicht aber auch auf den Satz vorher (wofür er gefallen sein wird).
Die zweite Frage seines Erkenntnisbemühens taucht kurz danach auf: „Ich wusste nicht genau, wie ich verwundet war; ich wusste nur, dass ich meine Arme nicht bewegen konnte (...); ich dachte, sie hätten mir die Arme an den Leib gewickelt (...).“ (S. 40) Hier wird mit der Kombination von „wusste nicht / dachte“ die spätere richtige Erkenntnis (S. 43) vorbereit, zuvor jedoch der entsprechende Vorsatz, das Nichtgewusste herauszufinden: „Ich (...) dachte, du musst doch herausfinden, was du für eine Verwundung hast und ob du in deiner alten Schule bist.“ (S. 41)
Die Erkenntnisbewegung wird mit der Ortsbewegung E.s verbunden, als man ihn im Zeichensaal hinter die Tafel trägt (S. 42). Vorher wird jedoch neben dem humanistischen Anstrich („Museum einer Totenstadt“; eine „Welt, die mir ebenso gleichgültig wie fremd war“, S. 41) noch eine zweite Seite der Schule vom E eingeführt, die durch den Hausmeister Birgeler verkörpert ist. Bei dem konnte man Milch trinken und heimlich auch eine Zigarette rauchen, „obwohl es verboten war“ (S. 41), erinnert sich E; Birgeler verkörpert die menschliche Seite der Schule. Birgelers Stübchen, „wo es nach warmer Milch roch, nach Staub und Birgelers schlechtem Tabak“ (S. 41), bekommt jetzt jedoch eine weitere Bedeutung: Vielleicht ist es die Stelle, wohin man die Toten trägt (S. 41). Diese beiden Bedeutungen werden nicht verbunden; welche sich im Schlusswort E.s durchsetzt, bleibt offen.
Drei entscheidende Erkenntnisse gewinnt der E im Zeichensaal, wobei dieser Ort, an dem er nachgemachte römische Vasen gezeichnet und Schriftzeichen geübt hat, also sich „humanistisch“ betätigen musste, als ein gehasster Ort (S. 40) charakterisiert worden ist: An der eigenen Handschrift auf der Tafel, an dem in seiner Handschrift geschriebenen Spruch „Wanderer, kommst, du nach Spa...“ erkennt E, dass er in seiner alten Schule ist; damit ist sein Tod gewiss (vgl. S. 40), E erschrickt zutiefst in seinem Herzen, er spürt erstmals sein Herz „in diesem Totenhaus“ (S. 42). – Die Bezeichnung „Totenhaus“ greift einmal das zuvor genannte „Museum einer Totenstadt“ (S. 41) auf, verweist aber vermutlich unabsichtlich auch schon auf E.s bevorstehenden Tod: eine offene Stelle im Text.
Die zweite Erkenntnis, die E gewinnen wollte, ist die von der Art seiner Verwundung. Er blickt an sich herab und sieht, dass beide Beine und ein Arm fehlen (S. 43); damit ist auch anatomisch gewiss, dass er sterben wird.
Die dritte Erkenntnis gewinnt er, ohne sich darum bemüht zu haben: Der Feuerwehrmann, der als Sanitäter fungiert, ist Birgeler. Es ist wirklich der alte Birgeler, der ihm jetzt zwei Zigaretten angemacht hat (S. 37, 38) und auch widerlich „nach Tabak und Zwiebeln“ riecht (S. 38). Im Augenblick der Erkenntnis riecht E den brandigen Geruch von Birgelers Uniform und sieht dessen „müdes, trauriges Gesicht“ (S. 43). Vielleicht ist Birgeler traurig, weil einer seiner Schüler und nicht nur ein „Kamerad“ (S. 38) hier stirbt; er hat unmittelbar vorher „entsetzt“ den verstümmelten umkippenden E angeblickt (S. 43).
„Milch“, sagte ich leise... (S. 43) - das ist der letzte Satz. Milch bekam man als Schüler bei Birgeler, dessen Stübchen jetzt vermutlich („vielleicht“, S. 41) Lagerstätte der Toten ist. Was der sterbende E tut, als er „Milch“ sagt, lässt er offen; er sagt nicht, ob er mit dem Wort aus seiner Erinnerung die Erkenntnis ratifiziert, dass er wirklich Birgeler erkannt hat; er sagt nicht, ob er noch Milch bekommen möchte, nachdem Birgeler ihm schon zwei Zigaretten gegeben hat; er sagt nicht, ob ihm Milch ein Symbol für Birgelers Menschlichkeit ist. Der Schluss ist in der „Bedeutung“ des letzten Satzes offen, wie ja auch Birgelers Stübchen am Ende eine zweite Bedeutung bekommen hat.
Eine Erkenntnis hat E jedoch nicht gewonnen: wofür er fiel. Das weiß er nicht (S. 40), aber er bemüht sich auch nicht um eine Antwort auf die Frage. Ich sehe im Moment vier Möglichkeiten, wie man die Frage im Sinn des Erzählers beantworten könnte.
1) Es gibt keine Antwort; E.s Tod ist demnach sinnlos.
2) Die Antwort ergibt sich daraus, dass der alte spartanische Satz vom Sterben der Soldaten („Wanderer...“) am humanistischen Gymnasium nur für Schreibübungen gebraucht wurde bzw. zu gebrauchen war und dass E ihn wegen seiner Ungeschicklichkeit nicht zu Ende geschrieben hat (S. 42). Dieser Satz ist ein Bestandteil des Museums der Totenstadt (S. 41); heute sterben die Soldaten sinnlos.
3) Das letzte Wort „Milch“ könnte bedeuten, dass Birgelers einfache Humanität ihn im Sterben tröstet oder begleitet.
4) Als E hinter die Tafel getragen wird (S. 41), bemerkt er den Fleck, den das von den Nazis entfernte Kreuz trotz Übermalung der Stelle hinterlassen hat. „Das Kreuz war noch da“, und man kann die Schrägspur des Buchsbaumzweigs erkennen, „den der Hausmeister Birgeler dorthin klemmte, als es noch erlaubt war, Kreuze in die Schulen zu hängen“ (S. 42; Palm- oder Buchsbaumzweige werden am Palmsonntag geweiht und als heil- und segenkräftige Schutzmittel im Haus angebracht: Wörterbuch der deutschen Volkskunde, 3. Aufl. bearbeitet von Richard Beitl und Klaus Beitl, 1974, s.v. „Palmsonntag“). Da das Kreuz am Ort des Sterbens „da“ ist, stirbt E im Zeichen des auch von den Nazis nicht zu entfernenden Kreuzes, sozusagen auch im sinnlosen Tod geborgen in Jesu Christi Leiden.
Diese vierte Antwort wird dem Text insofern gerecht, als sie der größeren Passage über den Kreuz-Fleck an der Wand (eine halbe Seite) eine Funktion für das Textverständnis zuweist, während die anderen Antworten diese Gedanken E.s über den Fleck nur ein retardierendes Moment bewerten können. – Es mag auch möglich sein, die Antworten 2) bis 4) zu kombinieren.
* Einen Satz kann ich grammatisch nicht entschlüsseln: „(...) so sah ich den ganzen Spruch, der nur ein bisschen verstümmelt war, weil ich die Schrift zu groß gewählt hatte, der Punkte zu viele.“ (S. 43) Wie ist „der Punkte zu viele“ mit dem Satz verbunden? Ist das ein abgekürzter Satz: „Es waren der Punkte zu viele.“? Zweifellos greifen die vier Wörter auf die vorhergehende Bemerkung zurück, dass der Anfang des Spartaner-Spruchs siebenmal da stand; aber die grammatische Bindung an den vorhergehenden Satz ist unklar.
Ich habe versucht, deutlich zu machen, was man bei sorgfältigem Lesen finden müsste, wenn man sich auf des Erzählers Geschichte einlässt, und welche Stellen „offen“ sind. Aufgabe der Schule ist es, ein derart genaues Lesen zu lehren; die Begründung dafür erspare ich mir. Dass man die durch das unverständige Lesen fremder Geschichten hervorgerufenen eigenen Geschichten sich aneignen soll oder kann, ist eine verzweifelte Begründung des Lesens und Fabulierens, an der sich Herausgeber von EU erfreuen mögen – leider regen sie auch zu einem Unterricht in diesem Sinn an. Aber das kann ich nicht ändern.
P. S. Die Bedeutung der humanistischen Ausstattung der Schule, an der E. ohne Anteilnahme vorbeigeht – das „sind schließlich gute, alte generationenlang bewährte Schulrequisiten“ (S. 37) – die Ironie ist nicht zu überhören; vermutlich hängen die Bilder gemäß einer Vorschrift für humanistische Gymnasien in Preußen an ihren Orten (S. 37). Wie irrelevant sie für die Bildung sind, habe ich in einem Aufsatz gezeigt: http://logos.kulando.de/post/2008/03/21/wozu_lesen_gut_sein_soll
Vgl. auch den folgenden Aufsatz (24. März): Kleiner Lehrgang im Lesen!
| « | März 2008 | » | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
| 1 | 2 | |||||
| 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
| 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 |
| 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 |
| 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 |
| 31 | ||||||