norberto42

Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)

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G 8 / Überforderung der Schüler

norberto42 | 06 März, 2008 09:25

Derzeit werden in der Republik unter den Stichworten „Turbo-Abitur“ und „Überforderung der Schüler“ wieder verlogene Debatten geführt; den Verbandsvertretern geht es um ganz andere Dinge und den Politikern auch.

Meine These: Die Schüler sind nicht vom zu lernenden „Stoff“ überfordert, sondern von menschlich oder fachlich defekten Lehrern; von sich selbst mit ihren schulfremden Interessen; von ihren behütenden oder alles laufen lassenden Eltern. Und von einer Kultusbürokratie, die Reformen nicht sorgfältig plant, sondern meint, es sei schon alles geregelt, wenn man irgendwelche zentralen Prüfungen ansetzt.
Was wirklich in der Schule los ist, kann man aus ungeschminkten Äußerungen junger Menschen sehen, etwa unter http://www.blog.de/posts/tags/schule; heute Morgen zum Beispiel erreicht man dort die Beiträge
http://nackige-alte.blog.de/2008/03/06/moin-3823345
http://francophastisch.blog.de/2008/03/05/nein-hektik-3822070
http://kleener-engl.blog.de/2008/03/05/sorry-i-canat-be-perfect-3822006
http://chillina.blog.de/2008/03/05/ich-mochte-weg-3821419
http://zimt-sternchen.blog.de/2008/03/05/title-3821397 usw.
Zugegeben, die Beiträge mögen um der Veröffentlichung willen ein wenig überspitzt sein; aber sie ergeben ein anderes Bild von Schule als das, was Funktionäre entwerfen.
Ich habe gerade ein schönes Beispiel erlebt: Da hat ein Kurs also drei Stunden darüber diskutiert, ob „Dantons Tod“ ein offenes Drama ist oder nicht; dazu gab es ein großes Arbeitsblatt (zwei Seiten) mit den Kriterien der Unterscheidung von Volker Klotz (1960). Nur, wozu ist die Zuordnung von „Dantons Tod“ zum offenen Drama gut – außer dass man sie macht, weil sie im Lehrbuch steht? Wenn die Zuordnung einmal erfolgt (und von den Schülern „gelernt“ worden) ist, dann geht es folgendermaßen weiter: Jede Äußerung, jede Szene wird nach dem Muster „offenes Drama“ ‚interpretiert’ – egal, was man dort in Wirklichkeit lesen kann oder könnte. Was also einmal als Hilfsmittel gedacht war, um viele Aspekte irgendwie zu benennen und zu ordnen, wird zu einem sinn-losen Instrument, dessen Bedienung erlernt werden „muss“, auch wenn keiner dieses Instrument zu irgendetwas braucht! Damit sind die Schüler dann natürlich überfordert,
a) weil sie den Charakter des Instruments nicht einschätzen (grobes Muster),
b) weil sie dieses Instrument zu überhaupt nichts brauchen können,
c) folglich nur „raten“ oder irgendwelche Wörter runterleiern...
Wenn also der Kollege selber nicht versteht, wozu Klotz’ Typologie gut ist, oder wenn er dies nicht vermitteln kann, dann ist jeder Unterricht in dieser Sache tot – egal, ob man so etwas nun 8 oder 9 Jahre lang ertragen muss; vermutlich ist „nur 8“ besser als 9.

Von den Defiziten der beteiligten Personen (Lehrer, Schüler, Eltern) und von der Möglichkeit oder Unmöglicheit, diese Defizite zu beheben, wird aber nicht gesprochen (obwohl jeder Lehrer, der wach in der Schule lebt, davon stundenlang erzählen könnte)! Es wird so getan, als ob in irgendwelchen schulpolitischen Entscheidungen oder organisatorischen Maßnahmen der Kern des Übels steckte – aber da steckt er nicht, auch wenn jene Entscheidungen oft nicht besonders gut sind.
In der Öffentlichkeit reden aber nicht die sachkundigen Lehrer, sondern die Funktionäre - der Eltern, der Verbände, der Parteien, der Kirchen; und natürlich die Politiker und „die Fachleute“ wie Prof. Pfeifer, dessen Qualitäten bekannt sein dürften. Vom sozialen Status der Schüler als entscheidender Größe habe ich hier oft genug gesprochen; von „Charakter“, Qualifikation und Weiterbildung der Lehrer müsste man sprechen... Man müsste also ehrlicher sprechen, statt zu palavern – aber dann sind wir wieder beim Nestbeschmutzen (und beim Geld).

Dieser Tage ereiferte Frau Maischberger (?) sich im Talk darüber, dass die Kollegen lange über das Treiben einer mörderischen Krankenschwester-Kollegin hinweggesehen haben... Dabei funktioniert das System Krankenhaus ebenso wie die Systeme Rundfunk, Schule, Partei, Kirche, Betrieb (Siemens!) usw. nur wegen des Wegschauens; wer in einem hierarchisch-geschlossenen System sein Maul aufreißt, ist ein Nestbeschmutzer - ich weiß, wovon ich spreche.

Nachtrag zur glorreichen These von der Überforderung der Schüler: Meine jüngere Tochter schreibt in Jura gerade ihre Hausarbeit (Ende des 8. Semesters): Sie muss in vier Wochen ein Thema auf maximal 25 Seiten (plus Aufgabenstellung und Literaturangaben) bearbeiten. Zu diesem Thema hat sie 71 Titel (Aufsätze und Bücher) in den Literaturangaben. Wenn man das sieht, muss man fragen: (Wie) Bereiten wir Schüler im Gymnasium auf solche Anforderungen vor? Und tun wir ihnen einen Gefallen, wenn wir für alles und jedes "Verständnis" aufbringen, statt konzentriertes Arbeiten zu einfordern [und selbst zu leisten: also vorzumachen]? (29. März 2009)

Zweiter Nachtrag, ein Selbstverständlichkeit: Vom G 8 sind alle Schüler eines Jahrgangs gleichermaßen gefordert (oder "überfordert") - das heißt: Es passiert überhaupt nichts; die Schulen werden schon ein Weg finden, damit die Schüler zum Abitur kommen. Das kann sich weder eine Schule noch ein Bundesland erlauben, dass zum Beispiel 10 % mehr als sonst scheitern! Der einzige Nachteil für den ersten G 8-Jahrgang eines Bundeslandes: Er muss mit dem alten G 9-Jahrgang um Ausbildungs- und Studienplätze konkurrieren.

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