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Figurenkonstellation und dramatisches Geschehen

norberto42 | 05 März, 2008 18:21

Angeregt durch die „Grundzüge einer deutschen Grammatik“ (1981, über die Kommunikationssituation) möchte ich folgendes Raster über das VERHÄLTNIS DER FIGUREN (Figurenkonstellation) in einer Dramenszene zur Diskussion stellen bzw. zur Hilfe anbieten. Der Einfachheit halber operieren wir wie die GdG mit den drei Größen SPRECHER / HÖRER / SACHVERHALT:
a) soziale Rolle: gleich / ungleich (über-/untergeordnet)
b) Nähe: vertraut / fremd
c) Verhältnis: Freund / Feind
d) Bedeutung: Helfer / Hinderer
e) Sachverhalt: wichtig / unwichtig [für einen / für beide]
f) Beteiligung: beteiligt (darin verwickelt) / unbeteiligt

DAS GESCHEHEN lässt sich in den Phasen erfassen:
a) Wer führt das Gespräch herbei? [Oder: Wer will was erreichen?] Oder hat sich das Gespräch zufällig ergeben?
b) Wie verläuft das Gespräch, was geschieht? [Hauptteil der Analyse]
c) Was ist am Ende das Ergebnis? Was hat sich verändert?

Die beiden Reihen hängen so miteinander zusammen: Die Figurenkonstellation ist die Voraussetzung, unter der das Gespräch beginnt; sie ist die Geschichte, „die Vergangenheit“ der Figuren, die alte Gegenwart. Die aktuelle Gegenwart ist das Gespräch, die Szene; das Ergebnis ist die neue Gegenwart. Zum Ergebnis soll oder kann man fragen: Was bedeutet dieses Ergebnis für das künftige Geschehen? [Was bedeutet es aktuell vermutlich? Was hat es in der Rückschau bedeutet, wenn man das Ende des ganzen Dramas kennt?]
Man kann die zeitliche Perspektivierung noch weiter treiben und fragen: Hat sich durch das Gespräch auch das Bild der Vergangenheit verändert?

Alles, was bisher untersucht worden ist, erfährt eine weitere Relativierung oder Perspektivierung. Man kann also alle Fragen doppelt beantworten:
1) aus der augenblicklichen Sicht der Figuren (evtl. unterschiedlich!)
2) aus der augenblicklichen Sicht des Lesers oder Zuschauers.
Am Ende ergibt sich die endgültige Sicht des Zuschauers („die Wahrheit“); die kann, aber muss nicht eindeutig bestimmt sein – manchmal bleibt unklar oder doppeldeutig, wer die überlegene Figur war, was das Ergebnis eines Gesprächs war oder wer in Wahrheit ein Helfer war (und ob zum Beispiel der Hinderer nicht auch ein Helfer war, seine Bedeutung also ambivalent war).

Dass die Verhältnisse sich ändern, dürfte klar sein; deshalb kann man Figurenkonstellationen immer nur für bestimmte Situationen umschreiben. Außerdem kann die Entwicklung der Verhältnisse schwanken, sie muss nicht in eine Richtung verlaufen.

Nachtrag: „Hinderer“ habe ich erfunden, weil ich kein Antonym zu „Helfer“ gefunden habe; vielleicht gibt es als weiteres Antonym zu „Helfer“ noch den „Verräter“?
Zweiter Nachtrag: Wenn man die Perspektivierung auf der Schiene „Figuren / Leser“ bedenkt, wird man sofort bemerken, dass in den sogenannten Standbildern nur eine Perspektive erfasst werden kann: in der Regel die der Figuren; aber das ist nicht einfach die Wahrheit!

Vgl. auch die Aufsätze über Dramentypologie und Gesprächsarten sowie über Szenenanalyse!

Kommentare

Kommentar Icon Perspektive

EinLeser | 05.03.2008, 21:36

Gibt es nicht noch die "Perspektive des Autors", d.h. dass das Agieren bestimmter Figuren vor allem der Dramaturgie des Stückes dient?
Meint: entspringt z.B. Ferdinands Eifersucht in 'Kabale und Liebe' Ende III/4 der dramaturgischen Überlegung des Autors - oder ist der Charakter bewusst so angelegt, da Schiller hier den Finger in die Wunde legen will ... es ergibt sich zumindest eine unterschiedliche Lesart des Dramas.

Kommentar Icon -> Ein Leser

n. | 05.03.2008, 23:06

Das ist ein altes Thema - präzisieren wir "Autor" durch die Unterscheidung 'Schiller / dramatisches Geschehen'. Dann kann ich mich mit der Logik des dramat. Geschehens anfreunden, aber nicht mit Schiller!
Die Eifersucht in III 4 ist "sachlich" völlig unbegründet, entspricht aber dem überheblichen Anspruch Ferdinands auf Luise, wie er ihn in I 4 deutlich formuliert hat (wie ein Zauberdrache wachen, schöner zurückgeben...).
Dass "hinter" Ferdinands Charakter Schiller steht, ist unbestritten - aber was heißt das? Schiller als Friedrich ist ungreifbar, wir haben die Figuren! Das Wühlen in der Biografie bringt nicht so viel, wie man sich erhofft; die Figuren sind m.E. stärker als Friedrich!

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EinLeser | 06.03.2008, 00:01

Einspruch angenommen, Euer Ehren, war aber auch nicht so gemeint, dass die biografischen Bezüge von Bedeutung sind oder zu sein haben, dass hier also der Schiller aus Ferdinand spricht.
War eher ein (absurdes) Gedankenspiel: Wir schauen da gründlich in den Text und am da entsteht unter anderem eine Figurencharakteristik; der Ferdinand ist soundso. Aber vielleicht ist der Ferdinand ja gar nicht so, sondern der Autor hat ihm diese "bösen" Worte nur in den Mund gelegt, damit das Stück läuft wie geschmiert. (Morgenstern: das raffinierte Tier/ tats um des Reimes Willen)
Der Ferdinand ist da übrigens nur ein Beispiel - ich möchte wirklich keine Diskussion über Kabale heraufbeschwören :-)
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Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend - und schau bald wieder vorbei und freue mich über neue Beiträge!

Kommentar Icon -> Autor / Figur

n. | 06.03.2008, 08:11

Hallo, lieber Kollege
'Aber vielleicht ist der Ferdinand ja gar nicht so, sondern der Autor hat ihm diese "bösen" Worte nur in den Mund gelegt...'
Genau das dürfte nicht passieren, wenn die Figurencharakteristik sauber gemacht ist; dann erfasst sie nämlich a l l e s , was besagter F. sagt und tut. Und einen anderen F. als den in seinen Worten und Taten erfassten gibt es in der Literatur nicht - anders als im Leben, wo wir jedem noch Potenzial neben dem bereits Geäußerten zubilligen (was man Seele nennen mag).

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