norberto42

Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)

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Nieder mit den Abschnitten!

norberto42 | 13 Januar, 2008 12:29

Eine kurze Diskussion mit Ela regt mich dazu an, meinen Schlachtruf „Nieder mit den Abschnitten!“ zu rechtfertigen.
     Dieser Schlachtruf richtet sich gegen die schöne Empfehlung von Lehrbüchern (Aufgabenstellung von Lehrern), man solle einen Text in Abschnitte oder Sinnabschnitte einteilen und dazu womöglich eine passende Überschrift suchen. Warum ist eine solche Aufgabenstellung wenig geeignet, das Verständnis der Schüler zu befördern - was man auch daran sieht, dass nach meiner Erfahrung die „Einteilung in Abschnitte eines Textes“ zu völlig willkürlichen Ergebnissen führt?

Der erste unscharfe Begriff ist „Text“. Text ist das, was man kopieren kann; was ich aber verstehe, ist ein Lexikonartikel, eine Erzählung oder ein Drama. Nun gibt es beim Text Absätze (nicht Abschnitte), beim Gedicht Strophen, beim Drama Szenen - aber das sind nicht zwingend „Abschnitte“. „Text“ ist also unspezifisch, Abschnitt ist kein analytischer Begriff.
     Nehmen wir als erstes Beispiel den Artikel „Frankreich“ in Meyers Großem Taschenlexikon. Da ist es also sinnvoll, die Aspekte zu benennen (das tun die Herausgeber bereits, durch Fettdruck), unter denen Frankreich vorgestellt wird: Nach einem einführenden Absatz, in dem aufgezählt wird, woran Frankreich grenzt und was alles zum Land Frankreich gehört, folgen: „Staat und Recht“ in zwei Absätzen; „Landesnatur“ in drei Absätzen; „Bevölkerung“ in drei Absätzen usw. - Gäbe es die fett gedruckten Zwischenüberschriften nicht, wäre es eine sinnvolle Aufgaben zu fragen: „Welche Aspekte Frankreichs werden im Lexikonartikel behandelt?“ Jetzt könnte man dagegen fragen: Welche Aspekte werden innerhalb eines Abschnitts (Aspekts) in den einzelnen Absätzen behandelt? [Auch könnte man fragen: Welcher für euch wichtige Aspekt fehlt noch im Lexikon?]
     Beispiel: eine Erzählung. Hier gibt es die analytischen Begriffe des Erzählers, der Erzählweise, der Figur, der Perspektive, des Motivs, des Erzählstrangs, der Zeitstruktur usw. - und hinter diese Begriffe mit ihrem Potenzial, zu einem Verstehen der ganzen Erzählung zu führen (der Erzählung als ganzer, als einer Gestalt), fällt die Aufforderung, „den Text in Abschnitte einzuteilen“, zurück auf eine rein inhaltliche, also verständnislose Paraphrase. - Den Text in Abschnitte einteilen, das ist genauso sinnlos wie die Aufgabenstellung: „Gib den Text mit deinen eigenen Worten wieder!“ Was sind denn „deine eigenen Worte“? Würde man strikt alle Wörter ausschließen, die bereits im Text vorkommen, die Schüler würden nur hilflos stammeln; da man sie nicht ausschließt, paraphrasieren sie „den Text“ genauso hilflos mit dessen Worten.

Elementar und nicht hintergehbar ist meine Einsicht, dass der jeweilige Sprecher die wesentliche Bezugsgröße ist: der Sprecher und seine Äußerung gegenüber seinen Hörern oder Lesern oder Zuschauern; der Sprecher aber tut etwas, er erklärt, er berichtet, er referiert, er widerspricht, er tut dies und das. „Abschnitte“ blendet diese Einsicht aus und rekurriert auf einen Sinn, der an einem puren Inhalt ablesbar wäre - wenn man denn nicht die ausgeblendeten Begriffe unterschwellig als das Verstehen leitend betrachtet; dann kann man sie aber auch direkt einführen und ihren Gebrauch einfordern (vorher einüben, bitte schön).
Man kann ein paar Beispiele vorführen, um den Gedanken zu entfalten.

In einem gut geschriebenen expositorischen Text sind die einzelnen Absätze natürlich von Bedeutung, die normalerweise am Anfang eines solchen Absatzes aufgezeigt wird. Aber auch diese Bedeutung und gerade diese wird erfasst, wenn ich frage: Was tut der Autor? Und nicht, wenn ich dazu auffordere, eine passende Überschrift (woran erkennt man, dass sie passt?) zu finden.
     Sie können ja spaßeshalber bei diesem kleinen Aufsatz „Nieder mit den Abschnitten!“ die beiden Methoden gegeneinander stellen: Abschnitte benennen und eine passende Überschrift finden - fragen, was der Autor norberto42 jetzt im neuen Absatz tut. Die beiden Methoden führen zu unterschiedlichen Antworten, einmal zur Antwort auf die Frage: „Was steht da?“, einmal zur Antwotwort auf die Frage: „Was heißt das?“ [Welche Überschrift gäben Sie übrigens diesem letzten Absatz?]

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Wer dem nicht zustimmen kann,
möge bitte versuchen, folgende Kurzgeschichte der Wohmann in Sinnabschnitte einzuteilen:

Schönes goldenes Haar 

 

Kommentare

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Herr Rau | 17.01.2008, 08:54

Mich überzeugt auf jeden Fall der Gedanke, die analytischeren Begriffe einzusetzen.

Eine Frage: Wenn wir Schülern beibringen, vor dem Schreiben eines Aufsatzes erst eine Gliederung zu schreiben, und zwar im Nominalstil - verlangen wir dann nicht genau diese Abschnittsüberschriften statt einer Erklärung, was man gerade macht? Sollte man dann nicht auch ganz anders an die Gliederung herangehen?

Kommentar Icon -> Herr Rau

norberto42 | 17.01.2008, 10:18

Die Frage ist doch, was wir in der Gliederung verlangen (s. Kategorie: "Aufsatz - Schreiben", dort: Gliederung, sowie den vorigen Aufsatz: Mind-mapping vs. Gliederung anfertigen).
Für eine "normale" Gliederung erwarte ich, dass die Frage der Aufgabenstellung satzweise beantwortet wird - den Nominalstil habe ich "verboten" (ein Nomen regt eine Assoziation an, nur im Satz wird ein Gedanke ausgesprochen);
für eine Erörterung erwarte ich (resp. habe ich erwartet), dass die skizzierte Position möglichst zentral (also: Argumentationsansatz, wesentliche Thesen und Begründungen) diskutiert wird. Zu gliedern ist also eher die Analyse eines gegebenen Textes, die Erörterung schließt sich "von selber" an.
Für die Analyse eines Textes habe ich erwartet, dass bewusst Aspekte abgehandelt werden [Thema, Aufbau, Sprecher usw., bei Sachtexten: Frage, Antwort, Gedankengang], statt dass sich ein Schüler "am Text entlang" durchhangelt (das war der Normalfall). Ein Aspekt ist aber eine abgekürzte Frage/Antwort: Wer ist der Sprecher? Wie geht er vor (= baut er die Äußerung auf)? Wie wandert sein Blick durch die Zeit? usw.

Kommentar Icon -> norberto42 -> Herr Rau

norberto42 | 17.01.2008, 11:42

Lieber Herr Rau,
die Quintessenz meiner Überlegungen (und meiner Erfahrungen als D-Lehrer) lautet: Orientiere ich mich an dem, was der Sprecher mit seiner Äußerung insgesamt und im Einzelnen tut, oder orientiere ich mich am Inhalt seiner Äußerung? Meine Entscheidung ist klar; sie steht hinter allem, was ich an methodischen Überlegungen und praktischen Beispielen vorgetragen habe.

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