norberto42

Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)

« | »

„Durchlauferhitzer“

norberto42 | 15 Mai, 2007 10:04

Manche Lehrer meinen, es sei gesund und fördere das Denken, wenn man zu jeder Tages- und Nachtzeit „bei Bedürfnis“ Wasser trinke; woher diese schöne Überzeugung kommt, weiß ich nicht - aber ich weiß, wohin sie führt: Nicht nur schleppen solche Lehrer ihre Wasserflasche mit in den Unterricht, sondern sie ermuntern auch die Schüler, gesund zu leben und ständig etwas zu trinken. Zwar gehört es zu einer erwachsenen, also halbwegs kontrollierten Lebensführung, dass man seine Bedürfnisse nicht sofort erfüllen muss und ihre Befriedigung „plant“ oder regelt; aber wenn genügend Kollegen dies nicht einfordern, ist es erst recht für Schüler schwer, den Sinn einer geregelten Lebensführung einzusehen und in den Pausen zum WC zu gehen, auch wenn der Druck auf der Blase noch nicht unerträglich ist.
Nun ist im Unterricht aber Konzentration erforderlich, und ständig etwas anderes zu tun (trinken, essen, zum Klo rennen, Bleistift spitzen, quatschen) steht der Konzentration entgegen. Zu Deutsch, die Wassertrinker regen mich auf, weil aus der beständigen Wasserzufuhr natürlich das Bedürfnis entsteht, den Körper wieder zu entwässern, also pippen zu gehen, und zwar während des Unterrichts - „ich muss aber mal“. - Vielleicht könnte man seine Energie im Arbeiten statt im Wassererhitzen verbrauchen?
Oben Wasser rein, unten Pippi raus - dafür habe ich die Metapher „Durchlauferhitzer“ gefunden (ehrlich, meine Erfindung!). In meiner Klasse 6 singen wir gelegentlich, wenn wir gut aufgelegt sind, zur Melodie von „Guanta na mera“:
„Durchlauferhitzer,
du bist ein Durchlauferhitzer,
Durchlauferhitzer,
du bist ein Durchlauferhitzer...“

Es gibt eine Variante:
„Durchlauferhitzer,
wir singen ‚Durchlauferhitzer‘,
Durchlauferhitzer,
wir singen ‚Durchlauferhitzer‘...“

Man kann die Varianten natürlich auch kombinieren.

Wenn die Theorie von der Notwendigkeit sofortiger Bedürfnisbefriedigung weiter um sich greift, müssen wir in ein paar Jahren nicht nur Schlafzimmer, sondern auch noch Onanierstübchen in den Schulen der Sekundarstufe einrichten.

P.S. Der Lehrerfreund hat auf diesen Aufsatz hingewiesen und gemeint, das alles könnte ich ja nur ironisch gemeint haben. Ne, das habe ich ganz wörtlich gemeint - ich halte es für ein Zeichen von menschlicher Kultur und für einen Schritt zum Erwachsenwerden, wenn man lernt, die Erfüllung von Bedürfnissen aufzuschieben. 
Beispiel: Es gilt als höflich und kultiviert, mit dem Essen erst dann zu beginnen, wenn alle am Tisch sitzen; ob man darauf warten soll, dass die Hausfrau zum Essen auffordert, ist eine Frage für sich - jedenfalls fangen nur Rüpel ein, sich ohne Rücksicht auf die anderen gleich die Wampe voll zu hauen und mit vollem Mund zu sagen: "Lecker, ich hatte so einen Hunger." Nein, menschlich ist die Formung der Bedürfnisse und der Bedürfnisbefriedigung, ihre Kultivierung - das dauernde Trinkenlassen ist Erziehung zur Rüpelei, zum Verlust der Konzentration, zur Haltung: "Ich will alles, aber sofort."

Kommentare

Kommentar Icon Durchlauferhitzer

Stoney | 20.11.2007, 20:08

Den Begriff 'Durchlauferhitzer' habe ich früher bei meiner Freundin angewandt und nun seit Jahren auch bei meinen Schülern....wobei ich mir das Lied merken muss. Diese Neuerung sollte ich ebenfalls mal einführen ;-)
Wobei ich trotz allem das Trinken im Unterricht befürworte, ich mach es schließlich auch

Artikel kommentieren
 authimage
 
Powered by kulando - Design by BalearWeb