Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 05 April, 2007 16:35
Zur Aufgabenstellung der Analyse einer Argumentation (in Sachtexten)
Argumentationsansatz, Argumentationsgang und Argumentationsstrategie sind in Klausuren anstandshalber zu beschreiben, wenn eine Argumentation untersucht wird. Was ist jedoch eine Argumentationsstrategie? Auch dieser Begriff wird in verschiedenen Bedeutungen gebraucht, ist aber nicht so unbestimmt wie „Argumentationsansatz“ (vgl. den vorhergehenden Aufsatz!).
Oft wird er in der gleichen Bedeutung wie „Argumentation“ verwendet, nur dass „Argumentationsstrategie“ etwas besser oder klüger klingt. So werben Institute, bei denen man sicheres Auftreten und erfolgreiches Verhandeln lernen soll, damit, dass sie Argumentationsstrategien vermittelten: „Mit der richtigen Argumentatiosstrategie überzeugen Sie (fast) jeden.“ Auch beim nächsten Beispiel wird das deutlich: „Hesse/Schrader erläutern, wann und mit wem Sie Ihr Gehalt verhandeln sollten, wie Sie sich auf eine Gehaltsverhandlung vorbereiten und mit welcher Argumentationsstrategie Sie überzeugen. Die Autoren geben wichtige Hinweise, welche Gehaltserhöhungen sinnvoll sind und welche Alternativen es gibt.“ Oder ein anderes Beispiel: „Frau Prof. Griefahn aus Dortmund hat wohl in einer vergleichenden Untersuchung zu Zug- und Flugzeuglärm herausgefunden, daß der nächtliche Zuglärm als störender empfunden wird als der Flugzeuglärm. Vielleicht fügt sich ein solches Ergebnis ganz gut in die Argumentationsstrategie für den Lärmschutz.“ - Von Argumentationsstrategie statt von Argumentation zu sprechen ist bereits eine Argumentationsstrategie: die der systematischen Aufwertung der eigenen Sache, um sie besser „verkaufen“ zu können.
Es wird jedoch auch in einem spezifischen Sinn von Argumentationsstrategie gesprochen; dann ist damit gemeint, dass hinter mehreren Argumenten eine leitende Idee, eine Einstellung, ein kommunikatives Bemühen oder eine rhetorische Technik als eine die Einzelteile bestimmende Größe steht. Im Einzelnen kann diese Strategie unterschiedliche Reichweiten aufweisen. Ich führe nur einige Beispiele unterschiedlicher Reichweite bzw. Abstraktheit vor, weil ich keinen Überblick über die Argumentationsstrategien insgesamt besitze.
1. Beispiel:
Vier Argumentationsstraegien in der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Skeptizismus
(1) Anerkennung des Skeptizismus;
(2) Widerlegung des Skeptizismus durch den Beweis der Möglichkeit von Wissen über die Außenwelt;
(3) Therapeutische Diagnose des skeptischen Problems (die skeptischen Szenarien überschreiten die Grenzen sinnhaften Denkens);
(4) Theoretische Diagnose des skeptischen Problems (die Argumente der Skeptiker beruhen auf Prämissen, die durch unsere alltäglichen Intuitionen nicht gedeckt sind).
Auswertung:
Diese Übersicht Ralph Schumachers (pdf-Datei) zeigt das höchste Niveau dessen, was mit Argumentationsstrategie gemeint sein kann: Es ist eine Überzeugung, die mehrere Philosophen verbindet und ihre gesamte Auseinandersetzung mit der Gegenposition der Skepsis bestimmt, also auch hinter mehreren Büchern des gleichen Autors stehen kann.
2. Beispiel:
Strategien im eigentlich Sinn sind die „Argumentationsstrategien politischer Akteure“, die Dr. Marcus Maurer in einer pdf-Datei veröffentlicht hat; eine Kleinausgabe davon ist in einer Datei unter dem Titel „Widersprechen, aber wie?“ zu finden (Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit vom DGB-Bildungswerk Thüringen):
- Karikatur (ein polemisches Bild zeichnen);
- Etwas mit absichtlich schlechten Gründen verteidigen;
- Bagatellisierung;
- Verfremdung usw.
Auswertung:
Das sind Strategien, die das Sprechen oder Schreiben bei einer Auseinandersetzung insgesamt bestimmen können.
Exkurs:
Eine interessante Studie ist das Buch von Charles Tilly: Why? What happens when people give reasons... and why, 2006. Es wird von Werner Reichmann besprochen (ÖZS 31. Jg., liegt als pdf-Datei vor). Tilly nennt vier Argumentationsstrategien, die ich eher als Argumentationsweisen bezeichnen würde:
- wenn man Argumente entlang von alltäglich üblichen Konventionen entwickelt;
- wenn man eine Geschichte erzählt, um etwas zu erklären, und so einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang vereinfacht darstellt;
- wenn man in den Codes des eigenen Standes etwas erklärt (Mediziner, Priester...);
- wenn man sich auf das von Spezialisten besorgte Wissen beruft (Wissenschaft).
Diese vier Typen unterscheiden sich nach der Spezialisierung des Wissens und nach dem Grad der Ursache-Wirkung-Logik. - Ein satirisches Beispiel fürs Geschichtenerzählen ist Schwejk, siehe dazu diesen Aufsatz!
3. Beispiel:
Hier möchte ich auf meine eigenen Untersuchungen politischer Reden hinweisen (Adenauer, Brandt, Wels), die unter http://www.bloghof.net/norberto42/ in der Kategorie „Sachtexte“ greifbar sind; eine Strategie nenne ich
- die Gegenseite systematisch abwerten (Adenauer);
- die Begründungen der Gegenseite entkräften (Adenauer);
- die Bedenken der Opposition zerstreuen (Brandt);
- einen Vertrag in die europäische Geschichte einordnen und so würdigen (Brandt);
- den Widerspruch des Ermächtigungsgesetzes gegen die außenpolitischen Grundsätze der Nazis aufzeigen (Wels);
- nachweisen, dass Verfolgung und Zensur, welche im Ermächtigungsgesetz gipfeln, illegal sind (Wels).
Auswertung:
Das sind Strategien, die jeweils einen Teil der politischen Rede bestimmen.
Nachtrag: Auf dem Niveau des 3. Beispiels ist das anzusiedeln, was Ulrich Engel („Deutsche Grammatik“, 1988, S. 94 ff.) Redetaktiken
nennt: Variationen „in der Art, wie der Sprecher seine Intentionen zu
rechtfertigen versucht, wie er argumentiert“ (S. 94). Die Redetaktik
lasse sich an einzelnen Äußerungen erkennen, präge aber auch den
Gesamttext und sei „in jedem Fall äußerungsübergreifend“, trage daher
auch zur Textkonnexion bei. Engel führt folgende Taktiken an (die man
unterscheiden und einschätzen müsse, damit man Täuschung durch Sprache
verhindere):
1. Schwarz-Weiss-Taktik (ich würde von Kontrastbetonung sprechen):
Für Frieden in Freiheit!
2. Anbiederungstaktik:
Ich spreche hier für alle Hausfrauen.
3. Einschleichtaktik (eine milde Form der Anbiederung):
Ein paar Flaschen Wein sollten Sie schon im Keller haben.
4. Philologentaktik (sich auf Autoritäten berufen):
Können 99 Nobelpreistäger irren?
5. Taktik des vernünftigen Redens: informativ, wahr und klar
sprechen; dem Partner die Rechte des Sprechens einräumen, die soziale
Selbsteinschätzung des Partners respektieren.
Engel betont, dass die Forschung in der Frage der Gesprächstaktiken noch in den Anfängen steckt.
Unter dem Stichwort „Gesprächstaktik“ findet man Links:
http://www.vnr.de/b2b/Kommunikation/praesentation/Gekonnte+Gesprächstaktik.html
http://inhalt.monster.de/1958_de_p1.asp
http://www.pantucek.com/seminare/200709avalon/gespraechskript.pdf (umfangreicher: Techniken der Gesprächsführung)
http://www.jobwinner.ch/(mczxzdzjv4cilrvjsgaec345)/content/employee/Gespraechstaktiken.aspx
http://www.ellviva.de/Job-Finanzen/telefonische-Bewerbung-Verkaufsgespraech.html
Das waren die Ergebnisse der ersten 30 Angaben bei google; es geht um
erfolgreiches Verhandeln und Verkaufen, wie die prächtigen Definitionen
aus einem Lexikon zeigen:
„Gesprächstaktik“ meint Methoden, mit denen wir unsere Strategie in einem wichtigen Teilschritt umsetzen.
„Gesprächsstrategie“ meint den Gesamtaktionsplan, mit der man eine Verhandlung zum Tragen bringt, d. h. zum Erfolg führt. (28. März 2009)
4. Beispiel:
Das sind die http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_strat.htm genannten Strategien, die ich eher Typen von Argumenten nennen würde.
Ergebnis:
Der Begriff „Argumentationsstrategie“ ist nicht klar bestimmt. Sofern er etwas anderes als Argumentation besagt, bezeichnet er die hinter einem Teil der Äußerung stehende oder die gesamte Argumentation bestimmende Idee oder Technik des Argumentierenden. Ich selber gebrauche den Begriff (im Unterschied zu „Argumentationsansatz“) in meinen Analysen; wenn man rhetorisch geschult wird, soll man „Argumentationsstrategien“ erlernen. - Wie „Argumentationsansatz“ gehört „Argumentationsstrategie“ eher in die Rhetorik (oder, um es modern zu sagen, in die Persuasionsforschung) als in die Logik.
Wenn also in einer Klausur gefordert wird, die Argumentationsstrategie zu nennen, muss damit nicht eine einzige bestimmte Strategie gemeint sein. Aufgegeben ist dann, über die einzelnen Argumente hinauszublicken und auf leitende Ideen oder Techniken zu achten, also gemäß dem Sprichwort vor lauter Bäumen den Wald nicht zu übersehen.
Eine interessante Magisterarbeit von Elena Gluth (2003) referiert formale Argumentationsstrategien und unterscheidet sie von inhaltlichen Strategien beim Verkaufen; sie stützt sich dabei auf C. Ottmers: Rhetorik, Metzler (1996), und Janich, N.: Werbesprache: ein Arbeitsbuch. Tübingen: Narr (2001). Außerdem referiert sie Haupttypen der Argumentation in der Werbung nach Haseloff (unveröffentlichter Vortrag, 1968).
Möglicherweise sind die beiden wikipedia-Artikel hilfreich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Argument
http://de.wikipedia.org/wiki/Argumentation
(Die Quellen meiner Beispiele kann jeder leicht über eine Suchmaschine nach den bekannten Verfahren im Netz finden.)
Eine Aufgabe zum Abschluss: Was wird im Folgenden unter Argumentationsstrategie verstanden?
„Die lateinische Literatur der klassischen und spätklassischen Zeit weist ein besonders wichtiges Grundparadigma auf: die sog. 'persönliche Dichtung', worunter - in unscharfer Weise - zunächst einmal die 'subjektive erotische Elegie' verstanden wird, die gerade von dem 'fiktionalen' Authentizitätsanspruch lebt. Hier dient die 'persönliche', durch Identifikation verallgemeinerungsfähige Erfahrung der repräsentativen Darstellung von Lebensalternativen und damit der Gestaltung der Lebenswelt - und ist zugleich durch diese bedingt. In anderer Weise gilt das für 'autobiographische' Dichtung (s. Horaz, in Abgrenzung gegen die autobiographischen Werke Marc Aurels und Augustins), was die zweite Verständnismöglichkeit von 'persönlicher' Dichtung bildet. Der Rekurs auf biographische Fakten und eigenes Verhalten hat seine Funktion im Rahmen einer philosophisch-moralischen Argumentationsstrategie, deren Bedingungen und Postulate von den Theoretikern des ethischen Diskurses aufgehellt worden sind (Aufrichtigkeitspostulat, Allgemeingültigkeit, Selbstbindung usw.). Auch die scharf konturierte Okkasionalität dieser Dichtung ist im Kontext der Argumentationsstrategie zu verstehen, als Chiffre von Realisierungsappell und Applikation.“
P. S. Ich weise auf meine beiden Aufsätze "Analyse theoretischer Texte" und "Theoretische Texte / Sachtexte nach TTS" in der Kategeorie "Methodisches" in diesem Blog hin.
Nachträglich habe ich noch einen guten Aufsatz gefunden:
„Illegitime Argumentations- und Emotionalisierungsstrategien im Irak-Konflikt“ (Argumentation Irak-Krieg) und den Hinweis auf
Josef Klein: Rhetorik und Argumentation. Eine Einführung, in: Der Deutschunterricht Heft 5, 1999, S. 3 ff. Ferner:
http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg0.htm
http://www.diskussionsforen.ch/
http://www.brainworker.ch/Dialog/argumentation.htm
http://www.train-the-trainer-seminar.de/monatstipps/argumentieren.htm
http://www.dbg.rt.bw.schule.de/
Fazit, die Lösungserwartungen bei zentralen Prüfungen betreffend: Die Begriffe sind, wie ich hier nachgewiesen habe, so unklar, dass ihre Verwendung ohne Explikation an verbindlich eingeführten Beispielen ziemlich arrogant ist und für Schüler auf ein Glücksspiel hinausläuft.
Katharina | 24.03.2009, 19:10
norberto | 24.03.2009, 19:57
Ja, Katharinchen,
die Pointe ist, dass es "das" Prinzip [bzw. ein allgemeines Verständnis des Prinzips] nicht gibt, sondern dass der Begriff in verschiedenen Bedeutungen gebraucht wird, von streng bis weit ...
| « | April 2007 | » | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
| 1 | ||||||
| 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 |
| 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 |
| 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 |
| 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 |
| 30 | ||||||
???? mir sagte jemand diese seite sei einfach und verständlich...
der text ist gut geschrieben aber kapiert hab ich das ganze prinzip nicht wirklich besser.
tut mir leid...