Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 28 Mai, 2006 20:36
Wie üblich aus konkretem Anlass: Wie versteht man, was eine Figur (in einer Erzählung...) sagt?
Es geht um eine Äußerung des Vaters in G. Wohmanns Erzählung "Denk immer an heut Nachmittag" (Deutsch in... 9, 1996, S. 49 f.).
Der Vater sagt zu seinem Sohn: "Und vergiss nicht die Liebe deiner Mutter. Sie ist dein wertvollster Besitz. Präge es dir ein. Vergiss nicht, wie lieb sie dich hatte, und handle danach. Tu nur, was sie erfreut hätte. Ich hoffe, du kannst das behalten." (Z. 34 ff.) Was heißt das?
Die meisten Schüler meiner Klasse 9c am ruhmreichen FMG, dem besten Gymnasium Giesenkirchens, verstehen das so: Die Mutter, die jetzt tot ist, hat das Kind sehr geliebt. - Richtig daran ist, dass die Mutter vermutlich tot ist (wegen "hatte"). Der Rest ist Unfug. Wieso?
Hier greifen eines der großen Prinzipien des Verstehens, das Prinzip des Kontextes, und die Einsicht in das sprachliche Handeln (Sprechakte):
1. Im Kontext hat der Vater gelogen, als er z.B. auf "wieder was Schönes" (Z. 1 f.) verwies: Was man von Gratte durch den Erzähler (!) mitbekommt, sind dunkle feuchte Gässchen, enge Schaufenster, klebrige Portmonees, schartige Hausmauern - da ist nichts Schönes, der Vater lügt.
2. Wozu lügt er? Er redet dem Kind ein, der Übergang ins Schulheim sei nicht schwer, man könne sich durch Erinnerungen an den schönen Nachmittag trösten; der fremde (hässliche) Junge ist ihm als Kämpfertyp lieber als das eigene Kind... Dieser Vater sagt im Kontext die Sätze von der Liebe der Mutter.
Das heißt: Man muss diese Sätze vom Vater und seinem sprachlichen Handeln her verstehen (als Versuch, das Kind in eine bestimmte Richtung zu lenken), nicht als Beschreibung der wirklichen Mutter. Wenn man dies grundsätzlich begriffen hat, liest man (hört man) seine Äußerung kritischer:
- Was heißt das denn: nach dem Wissen handeln, dass die Mutter einen geliebt hat? Das heißt zunächst nichts, sondern baut nur eine Verpflichtung des "Dankes" auf.
- Was heißt denn: Nur tun, was sie erfreut hätte? Da sie tot ist, kann sie sich dazu nicht äußern (das wird dann der Vater interpretieren); und wie kann man (mit Berufung auf die eigene Liebe) von seinem Kind verlangen, nur das zu tun, was einen selbst erfreut? Das ist Psycho-Terror in Vollendung.
Man muss also besagte Äußerung im Zusammenhang des Gesprächs (oder meinetwegen der Kommunikation) zwischen Vater und Kind begreifen, nicht jedoch (durch bloße unverstandene Wiederholung des Inhalts) als Beschreibung der Mutter verstehen. Die Theorie des sprachlichen Handelns ist nicht nur für reale Kommunikation und fürs Drama bedeutsam, sondern auch für das Verständnis von Gesprächen in fiktionalen Texten allgemein. Aber da muss man genau zuhören (und lesen), um mitzubekommen, was passiert, und kann sich nicht ins schöne Paraphrasieren flüchten. Und der Lehrer muss selber denken und darf sich nicht..., na, ja, wir kennen das bereits.
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