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Typische Fehler (Übersicht)
norberto42 | 04 Januar, 2006 19:20
Ich versuche, hier drei Bereiche zu unterscheiden - man kann ihnen auch
die vier S (schauen, sammeln, sortieren, schreiben - eine Anweisung
über die Schritte, die zu einem guten Aufsatz führen) zuordnen:
* beim Lesen [schauen],
* beim Verarbeiten [sammeln und sortieren],
* beim Schreiben [schreiben].
1. Fehlerquellen beim Lesen:
a) Die Aufgabenstellung wird nicht sorgfältig wahrgenommen.
* Wenn man die Grundform von Verben notieren soll, dann darf man eben nicht die Personalform aufschreiben.
* Wenn man einen Text analysieren soll, darf man ihn nicht reproduzieren.
b) Offene oder verborgene Hinweise werden nicht wahrgenommen. Offene
Hinweise stellen Erläuterungen des Lehrers dar; verborgene Hinweise
stecken manchmal im Namen des Autors, oft im Datum und im Medium der
Veröffentlichung eines Textes. So ist zum Beispiel „Kabale und Liebe“
1784 uraufgeführt worden, also fünf Jahre vor der Französischen
Revolution!
c) Man versteht einen Text nicht in seinem historischen Rahmen.
So ist Coetzees Roman „Schande“ nur aus der Situation der Zeit kurz
nach dem Ende der Apartheid zu verstehen, Bölls Romane sind in der
Geschichte der frühen Bundesrepublik verankert. Das gilt auch für
einzelne Worte, etwa für „Busen“ (bei Goethe) im Sinn von Brust
(allgemein), Herz; im Wanderer kann der christliche Gedanke anklingen,
dass der Mensch zur ewigen Heimat unterwegs ist (homo viator).
d) Man versteht Anspielungen nicht,
etwa den Wunsch des Wanderers, die Blume zu brechen (Goethe: Gefunden),
als Metapher dafür, ein Mädchen zu erobern oder zu verführen; oder man
erkennt in dem Holzgerät, wo etwas mit einer schrägen Kante
heruntersaust, nicht die Guillotine (Kunert: Bericht).
e) Man reißt einzelne Wörter aus dem Text heraus, statt sie im Satz zu lesen. Das ist oft damit verbunden, dass „Inhalt“ reproduziert, aber nicht das sprachliche Handeln erfasst wird:
(1)
„Ich weiß mich frei von Wunschdenken.“ Brandt spricht nicht über
Freiheit und auch nicht einfach über Wunschdenken, sondern widerspricht
einem Vorwurf, der ihm gemacht wird.
(2) „Erlosch auch hier ein Duft, ein Schimmer,
Ein Zauber, der dich einst bewegt,
Daß du in meine Hand gefangen
Die freie Mädchenhand gelegt?“ (Storm)
Der
Sprecher erzählt hier nicht von der Vergangenheit (Nebensatz!), sondern
stellt eine Frage (Hauptsatz!), ob in seinem Gesicht ein Zauber
verschwunden ist.
f) Man liest einen Satz nicht in seinem Kontext.
(3) So steht vor der zitierten Strophe in Storms Gedicht „Im Herbste“ die folgende:
„Du legst die Hand an meine Stirne
Und schaust mir prüfend ins Gesicht;
Aus deinen milden Frauenaugen
Bricht gar zu melancholisch Licht.“
Danach fragt der Sprecher... (s.o.)
Diese
Geste, die Hand an die Stirn zu legen und prüfend zu schauen, ist hier
keine Aktion, mit der Fieber festgestellt wird, sondern die Antwort
(Kontext!) auf den prüfenden Blick des Sprechers in das Gesicht seiner
Frau und der Anlass (Kontext!) zur Frage, ob auch er sich verändert
hat, also gealtert ist.
g) Man verwechselt in fiktionalen Texten den Autor mit dem jeweiligen Sprecher, also das lyrische Ich mit Goethe oder eine Äußerung Ferdinands mit Schillers Verständnis von Liebe.
h) Oder, kurz gesagt, man liest nicht analytisch:
- vom Sprecher als der handelnden Größe ausgehend,
- sein sprachliches Handeln erfassend.
2. Fehlerquellen beim Verarbeiten:
a) den Stoff nicht sortieren, also nicht gliedern; dem entspricht, dass ein Text von oben nach unten paraphrasiert wird;
b) die Komplexität eines Themas nicht erfassen, sondern mit einer einfachen Zweiteilung (etwa „positiv - negativ“) verdecken - was aber immerhin besser als gar nichts ist.
c) Suchkategorien überstrapazieren (Tipps des Lehrers oder des Lehrbuchs überstrapazieren):
Bei
der politischen Rede werden als Suchkategorien „aufwerten /abwerten“
empfohlen; missverstanden ist diese Suchkategorie, wenn man nun
jegliche Bewertung als Auf- oder Abwertung behandelt. „aufwerten“
bedeutet dagegen: etwas gegenüber der normalen Bewertung höher
bewerten, also etwas überbewerten. - Das ist quasi ein normaler Fehler;
man sucht und sucht... und findet dann natürlich auch etwas!
d) Verwendung von Suchkategorien mit Verstehen verwechseln:
Da
gibt es etwa den Ratschlag, auf Metaphern zu achten; es genügt aber
nicht, nur herauszufinden, wo Metaphern verwendet werden - danach fängt
das Verstehen erst damit an, dass man sieht, was mit welcher Funktion
metaphorisch gesagt wird. - Der gleiche Tatbestand liegt vor, wenn die
„Auswertung“ bloß floskelhaft erfolgt:
(4) „Er sagt das in einer Metapher (Bild), damit man es sich besser vostellen kann.“
Weil
dieser Satz (als Floskel) über jede Metapher gesagt werden kann, besagt
er nichts über die einzelne; man streicht ihn besser!
e) Auf die Nutzung leicht zugänglicher Hilfsmittel verzichten - dieser Fehler ist nicht nur auf den Bereich des Verarbeitens beschränkt:
* unbekannte Wörter und Fakten beim Lesen nicht klären,
* das passende Methoden-Arbeitsblatt nicht nutzen (oder ein falsches erwischen),
* nicht auf das KLL zurückgreifen,
* im Internet nicht differenziert suchen.
3. Fehlerquellen beim Schreiben:
a) Aus dem Fehler 1 a) folgt der erste Fehler beim Schreiben:
das Thema verfehlen;
b) keinen Überblick zu Beginn [haben und] geben (Frage/Antwort; Aufgabe/Lösung): eine Folge des Fehlers 2 a);
ein
Fehler ist es zwar nicht, wenn man bei der Szenenanalyse Sinnabschnitte
nur in Zeilenangaben beschreibt (erster Abschnitt bis 41/23; zweiter
Abschnitt bis 42/35...) - aber das besagt auch nichts, ist also ohne
Worte kein Überblick;
c) seine Gliederung nicht deutlich machen:
* nicht für jeden Gedankenschritt einen neuen Absatz bilden;
* zu Beginn des Absatzes nicht den neuen Aspekt benennen;
* keine Querverweise auf früher Gesagtes (oder später zu Sagendes) geben;
d) Fehler der Ebenen begehen:
*
die Verwechslung von Sachlogik und Erkenntnislogik (Rudenz liebt Berta,
weil... < Dass Rudenz Berta liebt, erkenne ich daran, dass...);
* die Verwechslung der Ebenen von Sache und Text (Tell erschießt den Vogt auf Seite 48 - nein, in einem Hohlweg!);
e) sich unklar ausdrücken [ein weites Feld!]…
*
der unklare Rückbezug durch „dies“ oder „dies alles“ oder „darum“ usw.;
besser ist es, durch ein Nomen oder einen (Neben)Satz zu sagen, was man
meint: [also statt: „Dies veranlasst die Schweizer...“] besser
(5) Die Unterdrückung durch die Vögte veranlasst die Schweizer...
(6) Weil sie also durch die Vögte unterdrückt werden, beschließen die Schweizer...
* Satzbaupläne nicht ausfüllen (oder im Nominalstil Attribute einsparen!):
(7) „Brandt lobt und ermuntert.“ Wen lobt er? weswegen? Wen ermuntert er? wozu?
(8)
„Oft ist auch Brandts Lob zu hören.“ (die gleichen Fragen! „Brandts
Lob“ ist die Nominalphrase des Satzes „Brandt lobt...“; man spürt nur
weniger, dass die Angabe fehlt, wen er lobt - mein Tipp: Sätze bilden,
auch Nebensätze, statt Nominalphrasen zu gebrauchen!);
* keine Fachbegriffe verwenden oder sie falsch verwenden
* oder sie noch einmal erklären:
(9)
„ein Kreuzreim, also die Reimform a - b - a - b“ (das sagt bereits der
Begriff; ihr dürft voraussetzen, dass ich ihn kenne!);
* solche
zusätzlichen Erklärungen wie im Beispiel (9) widersprechen dem Postulat
der Sparsamkeit, also der Forderung, sich kurz und bündig auszudrücken
und den Leser nicht durch unnötige Wiederholungen zu langweilen - man
könnte manchmal vermuten, je weniger ein Schüler weiß,
desto mehr schreibe er;
f) beim Rückverweis nicht das eindeutige Demonstrativum verwenden, also nur „er“ statt „dieser“ oder „jener“ schreiben, obwohl vorher zwei Männer genannt waren;
g) der Situation der Schriftlichkeit nicht gerecht werden:
* verwaiste Nebensätze an einen fertigen Satz anhängen (wie in der Umgangssprache);
* Nomen parallel zum Nebensatz gebrauchen:
(10) „Er erklärt den Weg und warum er nicht mitgeht.“ < Er erklärt den Weg und auch den Grund, warum er nicht mitgeht.
* auf etwas „zeigen“, was der Leser nicht sehen kann („hier“...);
*
verkürzende Wendungen aus dem Unterrichtsgespräch oder Abkürzungen aus
Tafelbildern ungeprüft übernehmen; im täglichen Umgang lässt man auch
ungenaue Ausdrücke zu, an der Tafel soll möglichst schnell und kurz
etwas festgehalten werden (etwa mit dem Zeichen -> für „daraus
folgt“) - das darf man sich im Aufsatz nicht erlauben, weil -> kein
definiertes Zeichen ist! Was man an privaten Abkürzungen im Unterricht
erfindet, darf in der öffentlichen Kommunikation des Aufsatzes nicht
verwendet werden, ohne dass man es eigens einführte! Auch heißt + nicht
„und“; das Zeichen + heißt „addiere!“, „und“ ist dagegen eine
aufreihende Konjunktion;
* in der Umgangssprache wird inzwischen
sogar im Rundfunk „weil“ wie eine Hauptsatzkonjuktion (also gleich
„denn“) gebraucht, was trotzdem grausam klingt und (vorerst) falsch
bleibt: „Ich gehe gleich zum Bäcker, weil ich habe großen Hunger.“
[falsch, richtig heißt es: „Ich gehe gleich zum Bäcker, weil ich großen
Hunger habe.“
h) das Tempus der Analyse missachten (Präsens!);
das
geschieht meist deshalb, weil man Analysieren mit Nacherzählen
verwechselt; das Verhältnis der Vorzeitigkeit zum Präsens wird im
Perfekt ausgedrückt;
i) falsch zitieren (das Zitat nicht in
den eigenen Text einbinden oder den zitierten Satz nicht an den eigenen
Text anschließen, sondern ihn bloß „reinknallen“ - siehe Zitiertechnik
im Studio D), oder unpassende Belege anführen; vielleicht sollte man
als Sonderform die unbeholfene (wenn auch im Unterrichtsgespräch
vielleicht gebräuchliche) Wendung erwähnen:
(11) „Das sieht man an Wörtern wie...“ - an einzelnen Wörtern sieht man gar nichts (siehe oben Fehler 1 b)!
j) Analyse und Erörterung miteinander vermengen (d.h. bereits während der Analyse Stellung nehmen, den Text bewerten, seine Meinung äußern).
Diese
Liste soll ausgebaut werden, wenn mir noch etwas auffällt oder
mitgeteilt wird. Ich danke Herrn Görgen und Herrn Schwarz für
hilfreiche Hinweise.
Hier sind die vielen R-, Z-, Gr-, Sb-Fehler nicht genannt, die genannt werden müssten:
*
Marinelli berichtet nicht vom fehlgeschlagenen Plan, sondern vom
Fehlschlagen des Plans [oder: berichtet, dass ihr Plan fehlgeschlagen
ist] - das ist etwas anders;
ebenso wird nicht die grassierende Unfähigkeit berücksichtigt, durch indirekte Rede
eine fremde Meinung von der eigenen zu unterscheiden, auch nicht die
Unfähigkeit, die Konjunktion „dass“ vom Relativpronomen oder von wem
auch immer zu unterscheiden... - da geht es um so elementare
Anforderungen, dass ich mich in der Sek II nicht mehr darum kümmern
kann; die Hausaufgaben der Sek I müsst ihr selber nacharbeiten!
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