Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 03 Januar, 2006 20:26
„ ... Ein Glühwurm scheint
Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint 15
Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.“
An
diesen drei Versen aus Georg Hemys Gedicht „Ophelia“ möchte ich zeigen,
was es heißt, ein Bild zu verstehen. Dass es sich bei der weinenden
Weide um eine Metapher, gar um eine Personifizierung des Baumes
handelt, bezweifelt niemand; denn niemand hat je eine Weide weinen
sehen. Im Bild des Weinens erscheint vermutlich der Vorgang, dass die
Weide im Herbst Blätter verliert. Hat man damit das Bild verstanden,
wenn man als Sach-Bedeutung diesen Vorgang benennt? Aber warum sagt der
Dichter dann nicht einfach: Blätter fallen auf die im Fluss treibende
Ophelia?
Erst im Kontext des ganzen Gedichtes erschließt sich die
Bedeutung des Bildes der weinenden Weide: Ophelia ist tot, sie treibt
einen Fluss hinunter; Tiere wimmeln um sie herum (V. 1 ff.), es wird
Nacht. Niemand scheint zu wissen, warum sie starb und so allein im
Wasser treibt (V. 7 f.). Später wird erwähnt, dass sie „unsichtbar“ an
den Städten der Menschen vorbeigeschwemmt wird, „vorbei, vorbei“ (V. 25
und 41). Nur die Weide weint „das Laub auf sie und ihre stumme Qual“;
die Blätter, das sind die Tränen, welche die Weide zu verlieren hat.
Allein ein Baum nimmt teil an Ophelias Geschick. Das zu sehen heißt,
die Bild-Bedeutung zu erschließen.
Der Sprecher erblickt die
treibende Leiche in der Abenddämmerung; dann beschreibt er, wie sie am
Mittag an Feldern und an einer Stadt vorbeikommt. Schließlich beginnt
die vorletzte Strophe so:
„Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht 41
Der westlich hohe Tag des Sommers spät,
Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht
Des fernen Abends zarte Müdigkeit.“
Die
Sach-Bedeutung der abendlichen Weihe ist schnell bestimmt: Es wird
allmählich dunkel. Was aber heißt, dass sich der Tag dem Dunkel weiht?
Geweiht wird etwas, das in den göttlichen Segensbereich einbezogen
wird; wenn jemand sich seinem Gott oder der heiligen Maria weiht, steht
er ihnen ganz zur Verfügung, stellt sich in ihren Dienst, wird ihr
Eigentum. Wenn sich der Tag dem Dunkel weiht, erkennt er es als seine
Bestimmung, seine Herrin an: Im Wechsel von Tag und Nacht, Licht und
Dunkel gibt der Tag sich auf, ist das Dunkel das Ziel der Bewegung.
In der nächsten Strophe wird dann „beschrieben“, dass die Tote vom
Strom weit fortgetragen wird, untertaucht, „die Zeit hinab“. Damit wird
das Ziel ihrer Reise umschrieben: das Ende aller Wechsel von Tag und
Nacht. „Durch Ewigkeiten fort,
Davon der Horizont wie Feuer raucht.“ 48
Das
Rauchzeichen des absoluten Endes bezeugt, dass alles dem Dunkel geweiht
ist. Das sehen heißt, die Bild-Bedeutung zu verstehen.
(Vgl. hier auch die Artikel "Bildhaftes Sprechen" und "Weinrich: Semantik der Metapher, vom 13. Juni 2006! Ebenso:
"Bildhafte Sprache in Gedichten" vom 1. 9. 2006 unter "Lyrik bei www.bloghof.net/norberto42)
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