Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 03 Januar, 2006 20:32
Durch Betonung hebt man ein Wort hervor (im Folgenden durch Unterstreichung markiert). Im Schülerduden Grammatik (4. A.) findest du etwas unter denStichworten „Satzmelodie“ [13] und „Wortstellung“ [456; 541-544] zurFrage, welche Wörter im Satz (bzw. Vers) betont werden können.
(1) „Es ist völlig klar, dass du die Scheibe zerstört hast.“
Das könnte die Antwort auf die Äußerung sein: „Das können Sie gar nicht wissen, wer die Scheibe zerstört hat.“
(2) „Es ist völlig klar, dass du die Scheibe zerstört hast.“
Das wäre eine Antwort auf die Äußerung: „Bestimmt hat Arno die Scheibe zerstört.“
Hierwird also durch die Betonung „du“ /Arno/ ausgeschlossen; in (1) wirddurch „völlig klar“ /unsicher, unklar/ ausgeschlossen. Man grenzt durchBetonung das Betonte also gegen Alternativen oder gegen das Gegenteilab. - Über diese Betonung verfügt der Sprecher je nach Situation frei,d.h. er entscheidet nach Situation, was er betonen und damit gegenanderes hervorheben will. [Deshalb muss man bei fiktionalen Texten lautausprobieren, wie man sie lesen, also welche Wörte man betonen soll!]
Wenn man untersucht, welche Satzglieder das sind, die bevorzugt betontwerden (etwa in Uhlands Gedicht „Einkehr“), findet man:
1. das Attribut als das, was dieses Nomen von anderen unterscheidet („bei einem Wirte wundermild“statt „bei einem unfreundlichen Wirt“; hier wird durch die Nachstellungdes Adjektivs erst recht die Betonung gefordert, s. unten!);
2. das Subjekt bei „sein“ nach dem Platzhalter „es“ („Es war der gute Apfelbaum“statt „Es war die alte Pappel“; „gut“ wird hier nicht betont, weil esnur schmückendes Attribut ist, nicht der Gegensatz zu „böse“) oderneben dem Prädikativ („Ein goldner Apfel war sein Schild“, nicht „Eine tote Biene war sein Schild“);
3. das Adjektiv als Adverb (Sie sprangen frei“);
4. ein Objekt - dazu lässt sich viel sagen („nach der Schuldigkeit“, „schüttelt... den Wipfel“).
Nach der Stellung im Satz sind am ehesten an erster und letzter Stelledie Wörter zu finden, welche betont werden. Etwas komplizierter sprichtman von drei Feldern des Satzes: Beim normalen Aussagesatz stehtbekanntlich die Personalform des Verbs als Satzglied an zweiter Stelle;die Stelle vorher ist das Vorfeld; dann folgt das Mittelfeld (bis zum zweiten Teil des Prädikats, falls es einen zweiten Teil gibt), danach das Nachfeld:
(3) Jeder von uns / soll / vor der eigenen Tür / kehren, / und zwar immer.
Vorfeld / Personalform / Mittelfeld / 2. Teil Pr. / Nachfeld
Hierist neben den Angaben im Vor- und Nachfeld noch „eigenen“ betont, undzwar im Gegenzug zur normalen Praxis, dass man gern vor /fremden/ Türenkehrt, was unausgesprochen als ausgeschlossen mit anklingt, wenn man„eigenen“ betont.
Ein schönes Beispiel dafür, wie man einen Satzgegen die Perspektive des Sprechers betonen und damit entlarven kann,ist die Äußerung des amerikanischen Generals Jay Hood:
(4) „Misshandlungen des Korans sind in Guantánamo äußerst seltene Vorkommnisse.“
Hoodwill vermutlich „äußerst seltene“ betonen, doch drängt sich demaufmerksamen Zeitungsleser die von mir gelesene Betonung alsAlternative auf - oder?
Vgl. den späteren Aufsatz über Intonation!
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