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Analyse, analysieren - Grundsätze
norberto42 | 03 Januar, 2006 23:11
1. Analysieren heißt: ein Ganzes in Teile zerlegen, den einen Blick
aufspalten und die Teile wieder zu einem Ganzen zusammensetzen. Die
betrachteten Aspekte werden von mir, dem Leser, gewählt und bei der
Darstellung im Hinblick auf das Verstehen meines Lesers geordnet.
Analyse ist Rekonstruktion der Verstehensmöglichkeiten.
„Interpretieren“ bedeutet, ein Werk zur Entwicklung seines Autors,
seines literarischen Motivs oder der Gesellschaft in Beziehung setzen.
2. Bei expositorischen Texten frage ich: Was tut der Autor
- im Hinblick darauf, wie er beim Leser sein Ziel erreicht, und
- wie bezieht er sich auf das Gespräch seiner Zeit über das Thema?
Die
Eigenart der indirekten Kommunikation besteht darin, (a) dass der Autor
seine Leser (Zuhörer...) nicht kennt, (b) dass Einweg-Kommunikation
vorliegt: Die Leser können sich nicht zu Wort melden, der Autor kann
nicht auf Wirkungen seines Textes (korrigierend) reagieren, (c) dass
Kommunikation zeitversetzt erfolgt.
„Der Autor“ ist ein Kürzel -
gemeint ist das, was von der Argumentation des Autors „sichtbar“ ist,
mag es von ihm gewollt oder von „der Sprache“ hervorgebracht sein. Ich
frage ausdrücklich nicht nach dem, was der Autor „in Wahrheit“
erreichen oder sagen will; „was er will“, müsste korrekt heißen: was er
wollte, und zwar in der Zeit der Planung wie in der Zeit der
Niederschrift, wobei nicht einmal feststeht, ob er immer eines
(dasselbe) gewollt hat! Was er gewollt hat, müsste in
biographisch-psychologischer Feinarbeit untersucht oder untermauert
werden. Wir beschränken uns auf das, was im Werk als Wirkungspotential
angelegt ist und sichtbar wird. Damit klammere ich gleichzeitig die
Frage aus, was er de facto bei dem einzelnen Leser erreicht oder
bewirkt. Das ist ebenfalls eine Frage der historischen Forschung
(Rezeption). Dass „der Text“ eine relativ selbständige Größe ist, sieht
man am „Werther“: Goethe hat nie eine Selbstmordwelle auslösen wollen,
der (fiktionale) Text hat sie damals unter bestimmten Umständen
ausgelöst.
Trotzdem spreche ich vom Autor, weil ich die dynamische
Komponente berücksichtigen will, die wir in der Regel mit einem Subjekt
verbinden; wenn man den Text als wirkmächtige Struktur versteht, könnte
man genauso gut vom „Text“ statt vom Autor sprechen.
Das heißt dann
auch, dass ich mich nicht auf „den Leser“ berufen kann - den gibt es
nicht; greifbar bin i c h als derjenige, der den Text gelesen hat und
das Bedeutungspotential untersucht. Andere Verständnisse kenne ich in
der Regel nicht, oder ich berücksichtige sie, soweit sie mir bekannt
sind.
3. Bei fiktionalen Texten ist der Fall noch komplizierter:
Autor - [ „Sprecher“ - „Hörer“ ] - Leser
Innerhalb
des Textes (= Klammer) gibt es noch die Kommunikation zwischen dem
Sprecher und seinem Hörer (Hörern), sei es dass Figuren miteinander
sprechen (Drama), dass ein Ich sich an ein Du oder die Natur wendet
(Lyrik) oder dass jemand einem genannten oder ungenannten Publikum
etwas erzählt. Bei fiktionalen Texten frage ich:
- Was tut der Sprecher (im Text!) gegenüber seinem Hörer?
- Was tut der Autor dadurch gegenüber dem Leser/Zuschauer?
Für
das textimmanente Verhältnis Sprecher-Hörer, mit dem wir uns in der
Regel zunächst (mangels historischer Kompetenz und Arbeitszeit)
beschäftigen, schlage ich als Teilfragen vor:
- Mit/Zu wem spricht der Sprecher? In welchem Verhältnis stehen sie?
- Worüber spricht er? (Thema; dessen Aspekte) Wir versuchen also, die fiktionale Gesprächssituation zu erfassen!
- Was ist die leitende Sprechweise (belehren, reflektieren usw.)? Wie handelt der Sprecher also in seinem Sprechen?
- Wie ist der Text aufgebaut? (Gibt es also einen Fortschritt beim Thema, einen Wechsel in der Sprechweise oder bei den Hörern)?
Wir versuchen hiermit, den Text als Einheit zu erfassen.
Danach kann man mehr auf die Einzelheiten oder Feinheiten achten:
- Auf welche Weise spricht er? (Tempo, Rhythmus, Satzform, Sprachebene, Bilderreichtum, Stimmung...)
- Wie wechseln die einzelnen Äußerungen?
4. Wenn die Sternseherin Lise im Gedicht von M. Claudius
von den Lämmern spricht, kann man vermutlich die Metapher „Lämmer“ auf
den göttlichen Hirten beziehen, weil diese Metapher um 1800 lebendig
(Psalmengebet, private Bibellektüre, Kirchenlied: „Mein Hirt ist Gott,
der Herr“) und Matthias Claudius ein frommer Mensch war, weil zudem im
Kontext das Licht der Sterne, die unendliche Erfüllung, die
„Herrlichkeit“ (zentrales Prädikat Gottes) und „der Sinn (der Welt, des
Lebens)“ auftauchen. Das kann oder muss „man“ aus historischer Kenntnis
verstehen; die Frage ist, ob und wie richtig jemand das Gedicht
versteht, der es nicht weiß. - Wenn man so etwas nicht genau weiß, soll
man vorsichtig sein und sagen: Mir fällt dazu ein...
5. Ich lese
den Text; ich nehme probeweise die Position des Sprechers ein, „fühle“
mich ein; ich betrachte dessen sprachliches Tun von außen: analysiere;
ich lese erneut... Es gibt hier wie bei jedem Verständnis den
hermeneutischen Zirkel: vom erreichten Gesamtverständnis die einzelne
Äußerung genauer verstehen, von dieser her wieder das Gesamtverständnis
vertiefen.
6. Die Analyse (gegliedert) darzustellen kann man lernen:
leitende Gesichtspunkte (des Sprechens, des Aufbaus usw.) suchen und
ihnen die einzelnen Entdeckungen zuordnen (belegen!): Das muss man üben
(die vier S: schauen, sammeln, sortieren, schreiben)! Außerdem bitte
Einleitung und Schluss (indirekte Kommunikation mit dem Leser = Lehrer)
nicht vergessen!
7. Analysieren heißt „besprechen“ im Sinn von Harald Weinrichs Unterscheidung „besprechen / erzählen“.
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