Sind wir verpflichtet, unsern Irrtümern treu zu sein? (FN)
norberto42 | 02 Januar, 2006 21:50
Noch ein Versuch zu erklären, was sprachliches Handeln ist:
In Brechts „Leben des Galilei“ sagt der sehr alte Kardinal zu Galilei: „So, sind Sie das? Wissen Sie, ich sehe nicht mehr allzu gut, aber das sehe ich doch, daß Sie diesem Menschen, den wir seinerzeit verbrannt haben - wie hieß er doch? - auffallend gleichen.“ (es 1, S. 61 f.)
Ich frage jetzt nicht: Was sagt der Kardinal? Das kann jeder Schüler des vierten Schuljahrs mehr oder weniger fehlerfrei lesen und auch „inhaltlich“ verstehen. Ich frage vielmehr: Was tut der Kardinal, indem er dies zu Galilei sagt? Er droht ihm mit dem Verbrennen. Woher weiß ich das? Der Kardinal sagt, dass Galilei dem einst verbrannten Giordano Bruno auffallend gleiche; damit will er jedoch nicht ausdrücken, dass er ihm den Frisör oder Schneider Giordanos empfehle - er sagt ja ausdrücklich, dass er nicht mehr gut sehen könne. Das Gleichen wird damit von der körperlichen Statur auf die Person selbst und ihr Agieren verlagert: Galilei ist ein Ketzer, darin gleicht er ihm, deshalb droht ihm dann auch das gleiche Schicksal wie Giordano; resp. der Kardinal droht es ihm an.
Man kann diese Überlegung schon auf der Grundlage des Bühlerschen Organon-Modells verstehen: Neben dem Inhaltsaspekt gibt es den Aspekt, dass man dem anderen etwas von sich (Ausdruck) signalisieren will und etwas für ihn (missverständlich Appell genannt): Von sich signalisiert der Kardinal, dass er Macht hat oder zu einer Organisation gehört, die Macht über Leben und Tod besitzt; den Galilei betreffend deutet er an, dass ihn das gleiche Schicksal wie den Giordano treffen kann, weil er diesem ja gleicht. Die beiden letzten Aspekte der Äußerung (ich habe Macht - mein lieber Freund, du gleichst Giordano, d.h. dich erwartet dessen Schicksal) nennt man zusammen: drohen.
Das Drohen geschieht auf der Beziehungsebene, indem inhaltlich (Inhaltsebene) in dieser Situation vom Kardinal gegenüber Galilei diese Äußerung getan wird; man muss also die Situation (Streit um das richtige Weltbild, Kampf mit allen Mitteln) und die Position der Figuren (Kardinal als Machthaber - Galilei als eigensinniger Forscher) kennen und beachten, um zu verstehen, was in der Äußerung geschieht; durch die Reproduktion des Inhalts erfasst man sie jedenfalls nicht.
Sprechakte - eine kurze Gliederung
nach Grammatik der deutschen Sprache Bd. 1 (von Gisela Zifonun u.a.), 1997, S. 98 ff:
A Transfer von Wissen
fragen - aussagen
aussagen: behaupten und begründen
aussagende Textarten: erzählen, berichten, beschreiben
B Koordination von Handlungen
auffordern - zusichern
zusichern: versprechen, Vertrag schließen, ankündigen
C Ausdruck von Empfindungen
ausrufen - wünschen
[Hier fehlen die Empfindungen für andere - alle Formen des Teilnehmens!]
[In der Grammatik der dt. Sprache, 1997, sind natürlich schlauere Wörter erfunden worden; ich habe sie vereinfachend rückübersetzt.]
Sprechakte - eine Übersicht
Sprechen mit dem Ziel, sich mit anderen zu verständigen, ist eine Handlung. Der Sprecher will etwas im sozialen Zusammenhang mit dem Gesprächspartner erreichen oder verändern. Ich sehe die folgende Liste nur als einen Überblick an, nicht als vollständiges System - eher als eine Anregung, selber weitere Sprechakte zu suchen.
A] Auf den Partner bezogene Sprechakte:
1. Akte des Mitteilens:
* etwas mitteilen [im engeren Sinn]
* jemandem zustimmen
* etwas ablehnen
- eine Forderung zurückweisen
- einer Behauptung widersprechen
- eine Äußerung korrigieren
* eine Äußerung intensivieren
* eine Aussage ausweiten (verallgemeinern)
* eine Aussage einschränken
* eine Äußerung kommentieren
* eine Aussage paraphrasieren
* Kontakt zum Hörer herstellen oder überprüfen
2. Akte zum Ausgleich sozialer Spannungen:
* jemandem danken
* sich bei jemand entschuldigen
* den gerade geäußerten Dank (bzw. die Entschuldigung) aufheben
* eine Äußerung billigen
* jemandem gratulieren
* jemandem kondolieren
3. Personen festlegende Sprechakte:
a) den Sprecher festlegend:
* etwas versprechen
b) den Partner festlegend:
* jemanden zu etwas auffordern
* jemanden zu etwas autorisieren
* jemandem zu etwas raten
* jemandem etwas vorwerfen
* jemanden beschimpfen
* jemanden vor etwas warnen
* jemand etwas fragen (viele Arten)
c) Sprecher und Partner festlegend:
* jemandem etwas anbieten
* jemand mit etwas drohen
* den Kontakt zu jemand umgrenzen
- grüßen
- anreden
- vorstellen
- Adresse angeben
- Absender nennen
d) beliebige Personen festlegend:
* etwas wünschen
* etwas vorschlagen
* etwas ankündigen
B] Auf den Sprecher bezogene Sprechakte:
* Unlust oder Unmut äußern (schimpfen)
* Überraschung äußern
* resignieren
(nach Engel, Ulrich: Deutsche Grammatik. Heidelberg 1988, S. 35 ff.)
Um ein anderes Beispiel zu nennen: In der Grammatik der deutschen Sprache (von Lutz Götze und E.W.B. Hess-Lüttich, Bertelsmann, S. 540) werden allein für das Auffordern folgende Möglichkeiten, dies zu tun, aufgeführt:
fragen, bitten, drohen, feststellen, ausrufen, ironisch kommentieren, Vorwürfe machen, raten, empfehlen, sich wundern, sich etwas wünschen...
Man beachte, dass die Liste mit drei Pünktchen endet!
Vgl. http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/lg-edu/tlgv4.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie
http://lexikon.calsky.com/de/txt/s/sp/sprechakttheorie.php
http://urts120.uni-trier.de/glottopedia/index.php/Sprachliches_Handeln
| « | Januar 2006 | » | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mo | Di | Mi | Do | Fr | Sa | So |
| 1 | ||||||
| 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 |
| 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 |
| 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 |
| 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 |
| 30 | 31 | |||||