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Erzählen, literarisch (nach TTS)

norberto42 | 22 Dezember, 2005 08:38


Der Autor ist nicht der Erzähler! (Dieser ist text-intern!)
1. Der Erzähler
* die Erzählform: Er/Sie-Form - Ich-Form (- Du-Form)
* das Erzählverhalten: auktorial - personal - neutral
[Eventuell die beiden Kategorien der Erzählform und des Erzählverhaltens zur einen Kategorie des Erzählers zusammenfassen: auktorialer - neutraler - Ich-Erzähler, dazu das personale Erzählen (einen personalen Erzähler gibt es nicht)]
* Standort des Erzählers: räumliche und zeitliche Distanz - Nähe zu den Vorgängen und Personen [Der Standort berührt sich mit der Erzählhaltung, s.u.!]
* Sichtweise: Außensicht - Innensicht [Auch die Kategorie der Sichtweise könnte man unter der des Erzählers fassen.]
* Erzählhaltung (Einstellung des Erzählers zu Geschehen und Personen): affirmativ - neutral - distanziert (verschiedene Formen und Stärken der beiden gegensätzlichen Einstellungen)
2. Das Erzählen - Darbietungsformen
a) Der Erzähler spricht:
Bericht, Reflexionen, Beschreibung und Kommentar;
b) Die Figuren sprechen selber (laut oder innerlich: Bewusstseinsstrom - zwei Formen)
3. Die Geschichte
- das Geschehen und sein Zusammenhang
- die Figuren und ihre Verhältnisse zueinander
- Raum und Zeit des Geschehens
- Verhältnis von Erzähldauer und erzählter Geschehens-Zeit
- chronologische Ordnung der Ereignisse
- Handlungsstränge
4. Der Leser
der implizite Leser (also der „Hörer“ des Erzählens) -
der (die) reale(n) Leser
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Es wäre zu prüfen,
1. ob man in diese Tabelle nicht auch das aufnehmen sollte, was man vom Autor und seinem sonstigen Schaffen, von der Entstehung des Werks und den Verhältnissen zur Zeit seiner Entstehung weiß;
2. ob man nicht den Erzähler und das Erzählen zu einer Großkategorie „Erzählweise“ zusammenfassen sollte;
3. ob man das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit nicht als eine Möglichkeit der Akzentuierung (wichtig - unwichtig) zum Erzählen bzw. zum Erzähler und seiner Sicht rechnen sollte.

Ergänzungen zum „Deutschbuch für die Oberstufe“: TTS, S. 143 ff.
Der Autor schafft das Werk; er stellt sich (vielleicht) bestimmte (intendierte) Leser vor. Er erreicht reale Leser; wir sind sowohl Leser wie Analytiker. - Der Erzähler richtet sich an (stumme) Hörer oder an fiktive „Leser“ innerhalb des erzählten Geschehens; diese sind nicht die realen Leser, der Autor ist nicht der Erzähler! (-> Skizze!)
Für die Analyse erzählender Texte sind die folgenden Analyseschwerpunkte (in jeweils unterschiedlicher Weise) bedeutsam:

* der Erzähler (-> Hörer/fiktive Leser):
- Erzählertyp und -perspektive,
- sein sprachliches Handeln,
- die Einstellung und
- Nähe/Distanz zum Geschehen;

* die Sprechweise der Erzählers:
- Wortwahl, Satzbau, Sprachebene,
- Erzähltechnik (u.a. Zeitstruktur, Chronologie),
- rhetorische Mittel,
- realistisches oder bildhaftes Erzählen;
(Mit diesen Kategorien kann man auch die Sprechweise der Figuren untersuchen!)

* die Elemente des Geschehens:
- Figuren,
- Geschehen, Handlungsstränge,
- Zeit(struktur),
- Raum (Landschaft) und Epoche;

* weitere Elemente der Be-Deutung:
- Überschrift(en),
- Motive, Leitmotiv,
- Textsorte und medialer Ort,
- „Anklang“ an andere Werke (Motiv, Stoff).

Diese vier Schwerpunkte sind nur aus analytischen Gründen isoliert; ihr solltet bloß prüfen können, ob ihr alle wesentlichen Aspekte bedacht habt. In Wirklichkeit ist die Sprechweise natürlich die des Erzählers, gehört die Zeitgestaltung zur Sprechweise und ist ein wesentliches Mittel, „Bedeutung“ zu erzeugen...
Der Erzähler und die Elemente des Geschehens, in gewisser Weise auch die „Elemente der Bedeutung“, sind typisch für die Analyse erzählender Texte; die Analyse der Sprechweise (und der Be-Deutung) gehört zu jeder Sprech- und Textanalyse.
Ein Werk ist eine sprachlich gestaltete Einheit; man versteht es, wenn man die Sinn-Einheit (das Thema) und deren Gestaltung, also den Aufbau des Werks erfasst. Bei jeder Analyse muss man also das Thema bestimmen und den Aufbau beschreiben und in seiner Bedeutung für das Thema erklären. - Die Elemente, aus denen das Werk besteht und die den Sinn bilden, muss man beschreiben können.
* Analysieren heißt, das eigene Verständnis am Text zu prüfen und zu begründen.
* Verstehen heißt: ein Werk mit seiner eigenen Literatur- und Welterfahrung verbinden können; dazu muss man es nicht in allen Einzelheiten bejahen. Vermutlich enthalten Werke ein Potenzial an Bedeutung über verschiedene Epochen hin... -
Vgl. auch „Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache“, S. 119; http://www.friedel-schardt.de/roman.htm sowie
http://www.thomasgransow.de/Fachmethoden/Deutsch/Bauformen.html

Was im Modell des Arbeitsbuchs TTS (1999) nicht erfasst wird 

Das Modell des Arbeitsbuchs ist ein unhistorisches Modell, d.h. es berücksichtigt nicht, dass alle Texte und damit alle Erzählungen in Zusammenhängen stehen. Eine andere Frage ist jedoch, wie weit man diese Zusammenhänge kennen muss, um eine Erzählung „richtig“ zu verstehen, und ob wir in der Schule diese Zusammenhänge - etwa aus Zeitgründen - hinreichend erhellen können.
Um diesen theoretischen Vorspann am Beispiel zu verdeutlichen: Wir lesen zunächst Erzählungen, die um 1810 in Deutschland veröffentlicht worden sind, und zwar von Heinrich von Kleist und von Johann Peter Hebel. Erste Frage: Was für Leute waren das? Was haben sie sonst noch getan und geschrieben? Kann man ein Werk von seinem Autor her verstehen?
Zweite Frage: Hat es etwas zu bedeuten, dass die Erzählungen um 1810 geschrieben worden sind, und zwar gerade in Deutschland? Was war damals „los“? Es war die Zeit nach der Aufklärung (18. Jh.), nach der Revolution (1789), der Napoleonischen Herrschaft über Europa. Schiller und Goethe hatten versucht, einen von der Politik unabhängigen Bereich der Kunst zu schaffen - was man heute „Klassik“ nennt, während schon die jungen Wilden die dunklen Seiten des Lebens in der Literatur zu erfassen suchten („Romantik“); gleichzeitig lebte noch die religiöse Erweckung des 18. Jahrhunderts im deutschen Protestantismus („Pietismus“, in der Literatur: „Empfindsamkeit“); das Bürgertum kam neben dem Adel zur Geltung. Kann man ein Werk wesentlich als Ausdruck seiner Zeit oder Epoche verstehen?
Die dritte Frage geht davon aus, dass ein Kunstwerk anderen gleicht, also einen bestimmten Typus verkörpert: Kleists Erzählung gilt als Novelle, Hebels Erzählung ist eine Kalendergeschichte aus einem süddeutschen Heimat- oder Bauernkalender. Was trägt die literarische Form (Textsorte) zum Verständnis eines Werks bei? (Es genügt nicht, irgendwelche „Merkmale“ b l o ß zu benennen... !)
Daneben gibt es eine Reihe weiterer Fragen: Wissen wir etwas von der Entstehungsgeschichte dieses Werks? Ist es für bestimmte Leser (für eine Leserschicht: Hebels Kalender) geschrieben? Ist es untergründig mit einem oder mehreren bestimmten Werken verwandt? Wie haben die ersten Leser das Werk aufgenommen?

Hilfsmittel:
Literaturgeschichten (zusammenfassende Darstellungen);
Kindler Literatur Lexikon (Lexikon der einzelnen Werke);
Literaturwissenschaftliche Wörterbücher;
Sammelbände zu einzelnen Textsorten (Novellen...) oder Epochen (Aufklärung...) oder Autoren (Kleist...);
Monographien (Abhandlungen zu Werken oder Themen)
Hilfsmittel, die im www zu finden sind, sind in diesem Blog in der Kategorie "Wichtige Hilfsmittel" erfasst - dort bitte stöbern!


Über Erzählform und Erzählverhalten - eine nachträgliche Klärung bzw. Erleuchtung (24. April 007)

Im TTS findet man „Ein Modell literarischen Erzählens“ (S. 143 ff.), wo unter anderem zu lesen ist: „Der Autor wählt die Erzählform. (...) Der Erzähler zeigt ein bestimmtes Erzählverhalten.“ Außerdem spreche der Erzähler aus einer bestimmten Sichtweise (Außersicht/Innensicht). Die im TTS eingeführte „Du-Form“ findet man in der Literatur sonst nicht, das ist eine Spezialität von Cornelsen.

Die Erzählform ist das, was man auch Außen- oder Innensicht des Geschehens nennt, nichts anderes! Von der Erzählform gibt es bei TTS keine Vermittlung zum Erzähler; die Begriffe sind, wie oft bei TTS, unklar (Musterbeispiel: die Analyse politischer Reden - das krause Schema ist irgendwo abgeschrieben, ohne dass es dadurch verbessert worden wäre!)
Im Internet wird man schnell, wenn man die Unterscheidung von Erzählform und Erzählverhalten klären will, auf ein Buch verwiesen: Einführung in die neuere dt. Literaturwissenschaft, von Jürgen H. Petersen und Martina Wagner-Egelhaaf unter Mitarbeit von Dieter Gutzen, 7. Aufl.!
Es ist nun interessant, wie andere denkende Menschen mit den Kategorien des genannten Buches umgehen. Im Basislexikon der Fernuni Hagen (http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/) wird also die Außensicht oder Er-Erzählform ganz einfach unterteilt in die drei Möglichkeiten auktorialen, personalen und neutralen Erzählens. Das ergäbe ein Schema etwa dieser Art:
1) Außensicht: a) auktorialer Erzähler, b) personales Erzählen, c) neutraler Erzähler;
2) Innensicht: Ich-Erzähler.
Der Charme dieser Übersicht besteht darin, dass eine bestimmte Erzählform mehrere Arten des Erzählverhaltens unter sich begreift; das entspräche der Unterscheidung von uni/bunt, wobei „bunt“ dann gestreift, gefleckt, kariert usw. heißen könnte. Im TTS denkt man dagegen, Erzählform/Erzählverhalten/Sichtweise verhielten sich wie früher in der Mengenlehre Größe/Farbe/Form (kleines blaues Dreieck).
Interessant sind auch der entsprechende wikipedia-Artikel sowie
http://www.hoegy.de/wiki2/index.php/Prosa/Erz%C3%A4hltechnik und das Protokoll der Seminarsitzung von Prof. Dr. Andreas Böhn (Proseminar 1.1 Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, WS 03, vom 10.11.03, als rtf-Datei greifbar).

Ach, wenn die TTS-Macher sich doch kundig gemacht hätten, wie andere Leute Petersens Einführung verstehen! Dann würden einem nicht solche schrägen Cornelsen-Konstrukte begegnen, dass ein Ich-Erzähler zusätzlich personal sein soll (Innensicht); und das würde sich auch nicht in zentrale Prüfungsaufgaben einschleichen! Bei Stanzel und Vogt sieht man übrigens, dass es auch andere Modelle gibt, um Erzähltexte zu verstehen - das gestehen die TTS-Macher natürlich zu, sie sprechen ja verschämt auch von „einem“ Modell. Aber wenn die TTS-Macher die Richtlinien NRW bestimmen und die Prüfungsaufgaben und Lösungserwartungen beeinflussen, kann von „einem“ Modell nicht mehr die Rede sein.

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Neuere Theorien
lernt man kennen, wenn man die Stichworte Erzähltheorien, Autorfunktion und Autorschaft, historische Modelle der im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (3. Auflage, 2004) liest. Ob man allerdings diese Diskussion an die Schüler herantragen soll, bezweifle ich - selbst in Kl. 11 kennen Schüler oft nicht den Unterschied zwischen Autor / Sprecher (Erzähler, lyrisches Ich usw.) bzw. können sie nicht mit dieser Unterscheidung arbeiten.
Wenn diese Unterscheidung klar ist und wenn man die Perspektive des Sprechers erfasst und beschreiben kann, langt's für die Schule!

(Was in der Schule wirklich läuft: Zu Beginn des Schuljahrs 2005/06 habe ich mit meinem damals neuen 12er-Kurs Deutsch eine Grundsatzdebatte darüber geführt, ob es sinnvoll und notwendig ist, den Aufbau eines Textes vom Sprecher her zu beschreiben - "das haben wir noch nie so gemacht", hieß es, und wenn ich die Namen meiner Vorgänger durchgehe, muss ich zugeben, dass die Schüler mit ihrer Schutzbehauptung möglicherweise Recht hatten. Angesichts der Realität sollte man sich mit Eskapaden zurückhalten und das Elementare lehren und lernen!) 12. Sept. 007

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