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Theoretische Texte analysieren (Textanalyse 1)

norberto42 | 21 Dezember, 2005 23:04


Ein Text ist ein Medium der Kommunikation zwischen Menschen.
Wenn man den medialen Ort wahrgenommen hat, kann man bei der Analyse theoretischer Texte vier oder fünf Aspekte unterscheiden:
1. die Analyse von Frage und Antwort (Problem-Analyse):
Der Autor versucht im Gespräch mit anderen ein bestimmtes Problem zu lösen, eine Frage zu beantworten. Zu bestimmen und zu benennen sind also (als Frage - Antwort): das Problem und seine Lösung.
2. die „methodische“ Analyse:
Der Autor kommt in einem Gedankengang zur Antwort auf die Frage. Zu beschreiben sind also der Ausgangspunkt (Voraussetzungen), die Gedankenschritte (auch um Einwände herum), das Ziel (Ergebnis) des Gedankengangs.
„Gedankengang“ ist eine Metapher; Methode ist Wege-Kunde.
3. die Analyse der leitenden Sprechweisen (Sprechakt-Analyse):
Der Autor handelt, wenn er für Leser etwas schreibt: Er
beschreibt (berichtet) etwas, damit der Leser es wahrnimmt;
erklärt etwas, damit der Leser es versteht;
bewertet etwas, damit man ebenso urteilt;
fordert zu etwas auf, damit der Leser so handelt.
Diese vier elementaren Sprechweisen [Nachtrag Mai 2009: neue Einsichten in die elementaren Sprachhandlungen] muss man kennen und exakt unterscheiden, wenn man sich begibt an
4. die Analyse der Argumentation („dia-logische“ Analyse):
Bei dieser Analyse erfasst man den einzelnen Gedankenschritt; der Autor trägt (hoffentlich!) Gedanken vor, die er in Auseinandersetzung mit anderen, also im „Dialog“ vertritt und die einer Überprüfung standhalten sollen. Die wichtigsten Begriffe, in denen diese Auseinandersetzung erfasst wird, sind (nach Stärke der Argumentation sowie den Aspekten pro/contra geordnet):
etwas behaupten - bestreiten (Position beziehen);
etwas begründen - entkräften (argumentieren);
etwas beweisen - widerlegen (stark, gültig argumentieren).
Der Zusammenhang ist hier folgender: Was jemand aussagt, gilt ihm als richtig (wahr); was jemand behauptet, ist umstritten und bedarf einer Begründung (dazu Eichler-Bünting: Deutsche Schulgrammatik, 1978, § 18). Eine Begründung kann schwach, plausibel oder zwingend sein; im letzten Fall heißt sie Beweis.
5. die Analyse der Vermittlung („didaktische“ Analyse):
Der Autor hilft meistens dem Leser, ihm auf seinem Gedankengang zu folgen; er gliedert seine Überlegungen, gibt einen Überblick über das Ganze, kündigt spätere Gedanken an, verweist auf bereits Gesagtes zurück, leitet zum nächsten Punkt über, fasst Ergebnisse zusammen; er bringt Beispiele und macht Scherze.
6. Versucht er, den Leser durch Kunstgriffe zu beeinflussen? Das würde man in einer rhetorischen Analyse klären müssen.

Ich habe eben (22. 9. 06 - Geburtstag Hannas) eine Übersicht über die Grundbegriffe sprachlichen Handelns in theoretischen Texten im bloghof.net in der Rubrik "Schemata -> k" veröffentlichet: http://www.bloghof.net/norberto42/weblogCategory/u8dnzjae8ezx

Exkurs: Ist die Brücke gut gebaut?

Überlegungen zur Frage, wozu die Analyse theoretischer Texte gut ist
Dastehen also, so nehmen wir an, drei Kinder mit ihrem Vater vor einerBrücke. Der kleine Anton sagt: „Die Brücke ist groß und schön; siegefällt mir.“ Beate ist im ersten Schuljahr und kann schon bis 100zählen. Sie stellt fest: „Die Brücke hat sieben Pfeiler.“ Christiannimmt am Unterricht des weitberühmten Franz-Meyers-Gymnasiums teil undweiß deshalb: „Sie ist 428 Meter lang und hat 18 Mio Euro gekostet.“
Alle drei Kinder haben etwas Richtiges gesagt. Aber ihr Vater stellt andere Fragen:
Wozu dient die Brücke eigentlich? (WOZU)
Ist sie hier an der richtigen Stelle errichtet? (WO)
Und wie ist sie konstruiert? (WIE)
Hinterseinen Fragen stehen die Überlegungen, ob die Brücke zu bauen nötigwar, ob man sie vielleicht besser anderswo errichtet hätte und ob mansie nicht anders hätte bauen sollen.
Ob die Brücke überhauptsinnvoll ist, wird durch das Verkehrsaufkommen entschieden (wobei manKosten und Verkehrsaufkommen in eine Relation bringen und dieAlternativen bedenken muss: Fähre am Fluss, Serpentinen im Bergland);ob sie richtig gebaut ist, wird bei der Nutzung erwiesen (sie krachtnicht zusammen); ob sie an der richtigen Stelle steht, kann man nurdurch Kenntnis der Landschaft und des Verkehrsnetzes (Größen außerhalbder Brücke) sowie der Kosten von Alternativen (im Hinblick auf derenVor- und Nachteile) beurteilen.

Ich versuche nun vorsichtig, die Bedeutung der Analyse theoretischer Texte mit der Prüfung des Brückenbaus zu vergleichen:
DieLandschaft: die allgemeine Problemsituation; dabei bildet die eineSeite das, was wir einigermaßen verstehen, und die andere Seite das,was wir nicht verstehen;
das Verkehrsnetz: die Geschichte und der Stand der Forschung und Diskussion;
die Konstruktionsidee: die Fragestellung;
die Konstruktion: der Gedankengang.
Die Analyse theoretischer Texte dient nun der Prüfung,
a) ob der Gedankengang in sich (logisch) richtig konstruiert ist und trägt,
b) wo wir (sachlich) ankommen (und was wir dort besser verstehen), wenn wir dem Gedankengang folgen:
An welcher Stelle beginnt die Brücke?
Wie viele Pfeiler tragen die Brücke?
Auf welchen Fundamenten stehen die Pfeiler?
Wie solide sind sie miteinander durch Streben verbunden?
Und vor allem: Wo die Brücke schließlich aus?

In den Naturwissenschaften können Gedankengänge im Experiment oderdurch Beobachtungen überprüft werden; in den Geisteswissenschaften kannnur (besseres) Verstehen das Kriterium der Beurteilung einestheoretischen Textes sein. Worin besseres Verstehen besteht und ob esvorliegt, erweist sich oft erst im Verlauf der Diskussionen.

BeiSachtexten liegt die Sache wiederum anders; denn sie dienen einempraktischen Zweck. Wir können also einmal fragen, ob sie (vermutlich)ihren Zweck erreichen - das kann man teilweise mit aufwändigenempirischen Untersuchungen feststellen; wir müssen aber diesen Zwecknicht billigen und werden die Sachtexte in dieser Hinsicht geradedann kritisch beurteilen, wenn sie ihrem Zweck dienen (etwa jungeMenschen auf raffinierte Weise zum Rauchen verführen: gut gemacht, aberschlimme Folgen). Bei manchen Sachtexten kann man (ebenso wie beitheoretischen Texten) den Grad der Manipulation untersuchen, dieangewendet wird, um den Zweck zu erreichen. - Dagegen sind theoretischeTexte der Idee nach frei von Manipulation, auch wenn man langwierigetheoretische Beweisführung oft rhetorisch abkürzt. Vermutlich kann manauf Rhetorik nicht völlig verzichten: Wie könnte man auch immer beiAdam und Eva anfangen? Und woher kommen Adam und Eva? 3. 12. 06

Vgl. auch den Aufsatz "Theoretische Texte sind Antworten auf Fragen" in der Kategorie "Lesen: Text(e)" vom 5. 01. 07 und den Aufsatz http://www.fmg-mg.de/analysen.html sowie diesen Aufsatz!

P. S. Ich weise auch auf meine beiden Aufsätze „Was ist ein Argumentationsansatz?“ und „Was ist eine Argumentationsstrategie?“ in der Kategorie "Rhetorik und Argumentation" von April 007 in diesem Blog hin.

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